Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

 

Weiße Rose ( der Halsreif ) 

 

Der Himmel war wolkenbedeckt und feiner Nieselregen benässte die Straße. Claire zog die Vorhänge zurück und schaute hinunter. Bleiern schwere Blicke hefteten sich auf einen älteren Mann, der vergeblich versuchte, die Straße zu überqueren. Ihm allein, so schien es, galt Claires morgendliche Aufmerksamkeit. Fast schon tat er ihr ein wenig leid, wie er hilflos und alleine dastand.
Auch sie fühlte sich einsam, nur dass dies niemand zu bemerken schien.

Eine junge Frau, die auf zu hohen Schuhen mit wackeligen Schritten die Straße entlangging, blieb neben dem alten Mann stehen. Claire sah ihr einige Minuten nach, als sie ungelenk ihren Weg fortsetzte und dabei leicht mit dem Po wackelte.
Es hatte schon etwas Eigenartiges an sich, diese fremden Menschen zu beobachten. Wohin auch immer ihr Weg sie führen würde, Claire wäre ihnen gerne gefolgt.
Langsam sog sie ein paar Atemzüge tief ein. Zwar spürte sie, wie sich ihre Lungen mit neuem Leben füllten, und doch erschien es ihr, als wäre sie selber nur eine Hülle.
Bei dem Gedanken an ihn überkam sie wieder dieser Schmerz, der sich wie eine Schlinge um ihren Leib zog. Immer fester und fester, bis sie letzten Endes daran zu ersticken drohte. Kalter Angstschweiß benetzte ihre Haut und ließ sie frösteln.

Claire schloss ihre Augen, um der Welt zu entfliehen. Dabei drückte sie ihre heiße Stirn gegen die kalte Fensterscheibe, erhoffte sich, den quälenden Gedanken entrinnen zu können, und sah doch immer wieder nur ihn vor sich. Sie spürte förmlich seinen Atem auf ihrer Haut und hörte seine Stimme, die sie leise aufforderte: „Komm, öffne dich für mich“.
Wie von selbst glitten ihre Hände auf ihre Brüste und begangen zaghaft, mit ihnen zu spielen, um dann immer fordernder ihren Körper entlang zu streicheln, bis sie lodernd in Flammen stand.
Für einen Augenblick war sie der Welt weit entrückt, hätte schwören können, dass es seine Hände waren, die sie lustvoll berührten. Sie fühlte die Welle, die sich zu einer tosenden Flut aufbaute und mit sich riss. Der kleine Tod kam heftig und ohne jegliche Vorwarnung und ließ Claire erschöpft am Fenster stehen.
Es dauerte einige Minuten, bis sie wieder bei Sinnen war. Dann drehte sie sich langsam um und verließ das Zimmer. Um der Stille zu entfliehen, schaltete sie das Radio an und setzte sich Kaffee auf. Erst dann ging sie ins Bad um zu duschen.

Behutsam und fast zärtlich seifte sie ihren Körper ein. Fühlte den weichen, nach Pfirsich duftenden Schaum auf ihrer Haut. Claire gab sich gern der Illusion hin, dass mit dem fortlaufenden Wasser auch ihre trüben Gedanken weggespült werden würden. Nicht alles wollte sie vergessen, nur lediglich den einzigen Tag, der ihr Leben aus den Fugen gerissen hatte.
Manchmal wünschte sie sich, einfach aufzuwachen, um festzustellen, dass alles nur ein böser Traum war. Schon viel zu lange schob sie das Unvermeidliche vor sich her. Verbot sich jeden Gedanken daran. Wenn nicht heute, so würde sie nie den Mut dazu aufbringen.

Entschlossen drehte sie den Wasserhahn zu und hüllte sich in eines der flauschigen Handtücher. Als sie in die Küche zurückkam, roch sie den Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee, nahm sich einen Becher aus dem Schrank und füllte ihn mit dem dunklen Lebenselixier. Sie war sich ihrer Aufgabe bewusst und durfte diese nicht länger aufschieben.
Im Hintergrund spielte Tschaikowskys "Nussknacker Suite", als Claire hinaus aus dem Fenster sah. Im Hinterhof sprangen ein paar Kinder jauchzend über die Pfützen. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, und der Himmel begann sich aufzuklären.
Ein gutes Zeichen, dachte Claire, als sie an ihrem Kaffee nippte. Wie immer verspürte sie keinen Hunger. Der einzige Hunger, den sie empfand, konnte nicht gestillt werden. Derjenige, der dies vermochte, war nicht mehr da, hatte sich einfach aus ihrem Leben geschlichen und sie alleine gelassen.
Sie stand auf und sah nochmals hinunter in den Hof. Die Kinder spielten ein Spiel, das sie gut kannte.
„Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?“ hörte sie eines der Kinder rufen. „Niemand“, riefen die anderen und rannten los.
Auch für sie war es an der Zeit, mit offenen Armen ihrem neuen Leben entgegenzulaufen. Sie hatte keine Angst vor dem schwarzen Mann, aber fürchtete sich vor sich selbst und vor dem Leben ohne ihn.

Bedacht und voller Sorgfalt holte Claire ihre Kleidung aus dem Schrank. Sie entschied sich, genau das anzuziehen, worin er sie stets am liebsten gesehen hatte. Ihre Hände zitterten, als sie sich die Seidenstrümpfe über die Beine zog. Mehrmals musste sie ansetzen, um den Verschluss am Mieder zu befestigen, zog dann das feine Seidenkleid über und strich es an ihrem Körper glatt. Zuletzt schlüpfte sie in ihre Pumps.
Nur kurz sah Claire in den Spiegel und nickte sich zur Bestätigung leicht zu. Sie ging zur Kommode und holte eine kleine Schmuckschatulle heraus. Sie schloss die Augen und spürte, wie ihr Blut langsamer floss.
Für einen Bruchteil von Sekunden glaubte sie, ihr Herz würde aufhören zu schlagen, als sie den Halsreif zwischen ihren Händen spürte. Sie zitterte so sehr, dass es ihr erst nach dem dritten Versuch gelang, ihn sich umzulegen. Ohne noch ein weiteres Mal in den Spiegel zu sehen verließ sie das Zimmer.

Nur ein Hauch von Schminke bedeckte ihr müdes Gesicht. Obwohl sie sorgfältig das Rouge auftrug, verblasste die zarte Farbe auf ihren Wangen. Auf ihren Lippen trug Claire langsam den Lippenstift auf, den er so an ihr liebte. Blicke trafen sie im Spiegel, als sie hineinsah. Für eine Sekunde kam es ihr so vor, als wären es seine Augen, die sie zärtlich dabei beobachteten, wie sie sich zurechtmachte.
Zum ersten Mal seit Monaten huschte ein leises Lächeln bei dem Gedanken an ihn über ihr Gesicht. Dann zupfte Claire die letzten Haarsträhnen zurecht und löschte das Licht. Mit festen Schritten ging sie zur Garderobe und nahm den rostfarbenen Mantel vom Haken, ergriff ihre Handtasche und öffnete die Haustür. Das leichte klappern ihrer Absätze durchbrach die Stille des Treppenhauses.

Der Regen hatte gänzlich aufgehört, und am Himmel lugten schüchterne Sonnenstrahlen vorsichtig unter den Wolken hervor. Claires Weg führte sie direkt in ihr kleines Straßencafé. Leise öffnete sie die Tür und trat hinein. Ohne darüber nachzudenken, steuerte sie ihren kleinen Tisch an, der so schien, als hätte er sie erwartet.
Als der Kellner kam, bestellte sie zwei Gläser Wein und ließ sich einen Aschenbecher bringen. Claire waren weder die Blicke des Kellners noch die der anderen Gäste entgangen, als sie den Rauch ihrer Zigarette genussvoll ausblies und dabei ihrem eingebildeten Gegenüber leise lächelnd zuprostete.

Bald darauf verließ sie das Café wieder. Sie verband zu viele Erinnerungen mit diesem Ort. Als sie die kleine Tür hinter sich schloss, spürte sie dennoch einen Anflug von Stolz, diesen für sie wichtigen Schritt getan zu haben.
Schneller als beabsichtigt ging sie die Straße hinunter. Nur wenig von dem, was um sie herum geschah, nahm sie wirklich wahr. Zu sehr war sie damit beschäftigt, sich nicht von ihrem Ziel abbringen zu lassen.
Eine breite Pfütze kreuzte ihren Weg. Sie wich aus und sah kurz zur linken Hauswand hoch. Neben ihr befand sich ein Blumengeschäft. Dies könne kein Zufall sein, dachte sich Claire.
Mit diesem Gedanken ging sie hinein und suchte unter all den Blumen eine einzige heraus, die das ausdrücken sollte, was sie in ihrem Inneren empfand. Ohne sich die kleine weiße Rose einwickeln zu lassen, verließ Claire eiligst das Geschäft. Nicht mehr lange und sie wäre an jenem Ort, den sie nie wieder aufsuchen wollte und es dennoch tun musste, um endgültig loslassen zu können.

Je näher sie ihrem Ziel kam, desto langsamer wurden ihre Schritte, bis sie endgültig stehen blieb. Als sie ihren Blick erhob, sah sie vor sich ein großes schmiedeeisernes Tor.
Mit laut schlagendem Herzen drückte sie entschlossen die Pforte zur Seite. Endlose bunte Blumenrabatten rahmten den Weg. Sie erinnerte sich vage, dass sie bis zu einem großen Stein gehen musste, um dann rechts in einen schmalen Weg abzubiegen.
Leise drang Vogelgesang zu ihr, der die Stille auf willkommene Weise durchbrach. Damals ging sie wie in Trance diesen Weg, wohl wissend, dass jeder Schritt sie weiter in eine Welt ohne Licht und Sonne führen würde. Es war noch immer der gleiche Weg, und dennoch spürte sie diesmal ganz zart am Horizont ein helles Licht, das sie von nun an begleiten würde.

Als Claire vor einem weißen Grabstein stehen blieb, zog ein grauer Schleier vor ihre Augen. Tränen benetzten ihre Wangen, und fast schüchtern strich ihre Hand über den weißen Granit.
Behutsam berührte sie die kleine Rose, streckte ihre schmale zierliche Hand aus und legte sie auf's Grab. Stumm blickten ihre Augen auf den Schriftzug, um endgültig zu verstehen.
Lautlos fragte sie nach dem „Warum“ und lauschte auf eine Antwort, die er ihr nie würde geben können. Ihre Beine begannen nachzugeben und Claire musste sich hinknien, um nicht zu fallen. Langsam und mit zittrigen, nassen Händen öffnete sie ihre Handtasche und nahm einen kleinen Satinbeutel heraus.
Kaum, dass ihre Hände ihren Befehlen folgen wollten, zerrte sie am Verschluss ihres Halsreifs. Andächtig legte sie den Reif vorsichtig in den Beutel und verschloss ihn wieder.
Mit bloßen Händen grub sie atemlos ein kleines Loch. Mit einer letzten Geste, aus der ihre ganze Liebe sprach, presste sie den Beutel an ihr Herz und küsste zum Abschied den weichen Satin. Erst dann legte sie ihn in die schwarze Erde neben ihren Herrn und deckte den Beutel weinend zu. So nahm Claire von einem Leben, das sie prägte, Abschied.

Niemals wieder würde sie seine Sklavin sein können. Niemals wieder sich seinen Wünschen beugen und seine Schläge brennend auf ihrer Haut fühlen. Er, der tief in der Erde lag und sie unerwartet alleine gelassen hatte, war ihr ganzes Sein gewesen.

Tränen des Leids mischten sich mit den Tränen der Hoffnung auf ein neues unbekanntes Leben. Und zum ersten Mal seit Jahren fragte Claire sich, wie es sein würde, frei zu sein...   

 

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