Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Bitte, schenk mir keine Blumen. Ein Plädoyer gegen alle vorgegebenen Gedenktage.

 

Stellen Sie sich vor Sie sehen vor ihrem geistigen Auge , einen Tisch für zwei gedeckt, darauf eine Vase mit roten Rosen, die keck  mit der weißen Tischdecke und dem silbernen Kerzenständer kokettieren, einen Mann, dessen Gesicht hell wie der morgendliche Sonnenaufgang strahlt und deren Hände gerade ein kleines Paket, hübsch eingewickelt in rosa Papier mit seidenen Schleifen, langsam über den Tisch zu der Dame seines Herzens schiebt. Im Hintergrund ertönen die letzten Töne des portugiesischen Themas aus „Tatsächlich Liebe“ und für einen winzigen Augenblich scheint die Zeit tatsächlich still zu stehen. Lautlos formen seine Lippen die Worte“ Ich liebe dich“ und Sie schaut sichtlich berührt nach unten direkt auf ein kleines rotes Herz auf dem mit feinen Buchstaben und weißem Zuckerguss  geschrieben steht: 14. Februar Valentinstag.

Ich weiß nicht, wie es ihnen bei dieser Vorstellung ergeht? In mir jedenfalls ruft alles lauthals Cut, wir beenden diese Szene hier, denn genau das ist es, was ich nicht will. Nein, verdammt nochmal ich möchte keine Liebesbeweise auf Abruf und erst Recht keine roten Rosen, verpackt in rosa Plüsch. Eigentlich möchte ich an diesem Tag rein gar nichts haben. Weder Rosen, noch andere Blumen, kein Konfekt, davon wird man eh nur dick und unansehnlich und erst Recht keine Liebesschwüre, die den Tag nicht wert sind.

 Ja, wenn man so will bin ich ein ausgesprochener Gegner aller vorgeschriebenen Gedenktage. Ich mag weder Valentinstag, Muttertag, Vatertag, wobei dieser selbstredend auf Grund meiner körperlichen Beschaffenheit  irrelevant ist und, den neu ersonnenen Freundinnentag, den mag ich  auch nicht. Ehrlich,  mir kann man all diese Tage schenken und das ohne Verpackung und großer Schleife. Ich nehme sie einfach frei Haus und stopfe sie in die große gelbe Tonne.

Warum ? Nun, die Antwort ist einfach, weil ich glaube, dass  Liebe und Freundschaft keinerlei Tage bedürfen. Wer mir sagen möchte, dass er mich liebt oder mag,  kann dies an 364 weiteren Tagen im Jahr tun und das völlig ohne dem Pflichtgefühl es tun zu müssen. Natürlich ist mir bewusst, dass das nicht für die Allgemeinheit gilt und es viele, auch unter meinen Bekannten und Freunden gibt, die diesen Tagen eine ganz besondere Aufmerksamkeit schenken und sich eine Szene wie oben geradezu herbei sehnen, und für die eine Nichtachtung eines solch vorgeschriebenen Liebestag gleich einer Beziehungskapitulation gleich kommt.

Was mich betrifft bin ich  völlig frei von solchen Gedanken. Ja, ich hege nicht mal Groll demjenigen gegenüber, der von vornherein diesen Tag oder ähnlich gelagerte als die  nimmt, was sie sind: Tage wie jeder andere auch! Für mich sind derartige Gedenktage so überflüssig wie ein Kropf. Den möchte schließlich auch keiner haben, also wozu dann dieser ganze Firlefanz. Dennoch scheint es bei einigen meiner Geschlechtsgenossinnen geradezu emotionale Verwirrung oder gar Unverständnis auszulösen, denn nicht selten muss ich mich diesbezüglich in endlosen Diskussionen erklären und rechtfertigen, warum mein Liebster mir keine Liebesschwüre, meine Kinder mir keine Blumen schenken und meine Freundin mir nicht aufs Heiligste schwören muss, dass wir befreundet sind. Natürlich würde ich keinen hochkantig aus dem Haus werfen,  wenn sie es dann doch mal tun würden. Aber ich wäre „ not amused“,  um es mit den Worten des englischen Königshauses auszudrücken, weil ich persönlich sehr wenig von Liebesschwüre an Valentinstagen, von Umarmungen a la „ du bist die beste Mama „ an Muttertagen und von „ wir sind Freundinnen auf immer und ewig „ halte, wenn es das Datum vorschreibt. Wie gesagt, das Jahr hat viele wundervolle Tage und keiner ist besser oder schlechter dazu geeignet  zu sagen, dass man sich mag oder liebt.

 Das sah neulich eine Bekannte  völlig anders als ich ihr auf ihre Frage<< Und, was schenkt dir dein Mann nächste Woche zum Valentinstag? <<  ein  >> Nichts! >> zur Antwort gab. Ihr  Ausdruck hätte nicht entsetzter sein können.  Es war als hätte ich ihr geradewegs erzählt, dass mein Mann mich seit Jahren mit einer anderen betrügt. Ihr  >> Wie nichts, du meinst so rein gar nichts. Keine Blumen oder so? >> untermauerte ihr Unverständnis unmissverständlich. Aber ich bin ja von Haus ein freundlicher Mensch und selbstverständlich verneinte ich ein zweites Mal und glaubte mich mit dieser Antwort in sicheren Gefilden. Immerhin war es ein entschiedenes Nein. Kurz und knapp und bot eigentlich keinen Nährboden  für weitere  Diskussion. Doch so billig ließ sie mich nicht  davon kommen. Ehe ich mich versah war ich in einer Kontroverse verstrickt, die nur darum ging,  was Man(n) tun sollte, wenn man liebt.   Mein „ Nichts“ war für sie ein Schlag mitten ins Gesicht, sozusagen ein Verrat an alle Liebenden. Als ich dann auf ihre Frage: <<  wann, wenn nicht an diesem Tag kann man dem anderen  sagen, dass man ihn liebt> auch noch antwortete: << nun, vielleicht am 10. August, 1. September, oder von mir aus auch am 5. Mai<<  bedachte Sie mich mit einem Lächeln  das eher einer sauren Gurke als einer freundlichen Zustimmung ähnelte. . >> das ist nicht dasselbe<< konterte sie und damit gebe ich ihr absolut Recht. Es ist nicht dasselbe und genau darum geht mir,  wenn ich zum Thema Valentinstag, Muttertag, Vatertag oder Freundinnentag Stellung beziehe.  Ich bin diesbezüglich ziemlich egoistisch und fordere für mich das Privileg, Liebesschwüre und andere Schwüre nicht als Sonderangebot in Massenhaltung  zu erhalten, sondern exklusiv, nur für mich und ohne dem Wissen, dass noch Millionen andere Menschen an diesem Tag ähnliches wie ich zu hören bekommen.   

Wer setzt eigentlich fest, wann und wie ich jemanden zu sagen habe, dass ich ihn liebe oder mag? Im Prinzip niemand, sieht man mal von den Blumenfachgeschäften, Konfekt – und Pralinenherstellern  und Restaurants ab. Dass, wir dennoch dafür gewisse Tage benötigen empfinde ich schon beinah als pervers und  verdammt traurig. Es gibt doch auch kein festgesetztes Datum an dem man sich verlieben muss. Man stelle sich nur mal vor, irgendwann würde  der 1. Juli der Tag sein, an dem sich jeder verlieben müsste. Ich mag mir gar nicht vorstellen, welcher entsetzter Aufschrei da durch die Welt gehen würde. Und, wenn man niemanden findet, müsste man dann ein ganzes Jahr warten bis man sein Herz verschenken kann? Und wie sähe es wohl aus, wenn man nur am 1. Oktober sich dazu entscheiden dürfte Elternfreuden entgegenzusehen. Würden wir das so kommentarlos hinnehmen und vielleicht  in ferne Zukunft diesen Tag als  „ Tag der Elternschaft“ feiern? Ich glaube nicht. Bislang gehört beides zu den Dingen, die wir uns weder vorschreiben noch reglementieren lassen. Nur in Sachen LIEBE, wenn es darum geht  anderen zu sagen, dass man sie liebt und mag, da lassen wir uns gerne , wie ein Hund an der Leine führen und bellen im Gleichklang.   

Selbstredend gab es Jahre, da habe ich ebenso wie alle anderen das Spiel mitgespielt. Wenn zum Muttertag meine Kinder mit  selbstgebastelten Herzen und bunt gemalten Bilder kamen, habe ich  weder Bilder noch Herzen meinem kleinen Rackern vor die Füße geworfen. Natürlich fand ich es niedlich, weil sie meine Kinder waren und es selbstredend mein Mutterherz berührte. Und ebenso habe ich meinen Mann, in unseren ersten Jahren nicht mit Flüchen bedacht, wenn er am Valentinstag mit Blumen ankam und lauthals gerufen: „ Liebeschwur weiche von mir“. Dennoch waren mir derartige Tage nie sonderlich lieb und es hat eine ziemlich lange Zeit gedauert, bis ich meine Liebsten davon überzeugt habe, dass sie sich meinetwegen nicht ins Zeug legen müssen.

Ob nun Valentinstag, Muttertag oder sonstige alten oder neu erdachten Gedenktage, alle haben eines gemein: Es sind festgesetzte Tage,  die hochstilisiert sind und für mich einer Pflichtübung gleichkommen. Von der anschließenden Kür  bleibt oftmals kaum etwas nach. Vielleicht noch am Valentinstag, wenn die Blumen im Wasser stehen, das Candle Dinner längst den Weg zum Enddarm genommen hat und man nur noch den leichten Geschmack von Trüffel und Champagner auf der Zunge spürt. Da soll es ja in manchen Betten heiß hergehen.  Ich schenke dir heute Blumen und sage dir heute was ich für dich empfinde und du bitteschön hast heute  glücklich und zufrieden zu sein, und als Dankeschön haben wir auch mal wieder ein bisschen SEX.  Pfui Deibel, wenn das alles ist, was meinem Angetrauten einfällt kann er mich getrost damit verschonen und sage daher hier und jetzt und zwar ganz entschieden NEIN DANKE.

 Was einmal freiwillig ohne äußere und innere Zwänge geschehen ist, sollte auch freiwillig und ohne Zwang weitergelebt werden und zwar unabhängig von Tag und Datum.  Wem es nie einfällt mir an einem anderen Tag des Jahres zu sagen, dass er mich liebt, mag, oder glücklich ist mich als Mutter, Ehefrau oder Freundin zu haben, der brauch es ich an einem festgesetzten Tag erst Recht nicht zu tun.  Ich für meinen Teil empfinde solche Tage als billig, anbiedernd und beinah schon vulgär hurenhaft. Für mich hat  ein  „Ich liebe dich“ und ein Dinner bei Kerzenschein , an einem Valentinstag  eher etwas von einer Szene  aus einem schlecht gemachten zweitklassigen Film. Und, wenn meine  eigenen und mittlerweile erwachsenen Kinder meinen,  nur am  Muttertag an mich denken zu müssen,  läuft nach meinem Empfinden etwas falsch.  Bei allem Verständnis aber ich brauche solche Tage nicht.

Nun mag sich der eine oder andere jetzt in diesem Augenblick fragen: „ Ja, hat die Dame denn überhaupt keine Freude und etwas für Romantik und Liebe übrig?“. Doch hab ich und wie! Ob Sie es glauben oder nicht, ich bin durch und durch ein romantischer Mensch. Ich mag Essen bei Kerzenschein, ich mag es sogar mit dem Mann meiner Träume händchenhaltend am Strand spazieren zu gehen und ich mag es auch, wenn sich Mann für mich in Schale legt und zum Affen macht. Aber bitteschön alles zu seiner Zeit und, wenn dann ohne Pflicht. Mir reicht die Kür! Und selbstredend empfinde ich ein warmes, weiches Gefühl, wenn meine Kinder mir sagen, dass sie mich lieben und ich für sie die beste Mama der Welt bin. Aber dazu benötigt niemand einen vorgeschriebenen Tag. Nein ,Ich bleibe dabei. Auch,  wenn andere anderer Meinung sind. 

Sollen die Masse der Verliebten, Altgeliebten und Kinder gerne ihr wohlverdientes  Geld ins Blumengeschäft tragen, Tische in überfüllten Restaurants reservieren, arrangierte  Candle-light- Dinner, zu  überteuert Preisen zahlen und kitschige rote Herzen in Plüsch verschenken. Mich graust es eher als das ich es als schön empfinde. Es ist eben doch so, dass  manche Menschen derartige  Zwangsrekrutierung brauchen, um das eigentlich Selbstverständliche zeigen zu können.

Menschen sind  Herdentiere und so mancher läuft eben gerne einer Horde hinterher, die es anscheinend nicht besser weiß,kann, oder und sich mit Feuereifer und völlig  freiwillig Jahr um Jahr dem Kommerz und gesellschaftlich vorgeschriebenen Tagen beugt.

 Ich für meinen Teil ziehe einen stillen Kuss, ein lächelndes Dankeschön und eine überreichte  Blume, an einem wahllos ausgesuchten Tag, jeder Massenbewegung blökender Schafe vor.  

 

In diesem Sinne—fröhlichen Valentinstag

Herzlichst eure / ihre Lilo

 

 

 

    

 

  

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