Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Brauchst du das noch oder kann das weg?

Wenn Sie diesen Satz hören, haben Sie vielleicht eine Aufräumberaterin zu Hause! Ja, Sie haben richtig gelesen! Der moderne Mensch braucht so etwas, weil er alleine nicht mehr in der Lage ist, sein Heim richtig aufzuräumen und sich von seelischem Ballast zu trennen. Erfunden haben es natürlich, wie sollte es anders sein, die Japaner. Ach ja, dieses agile, innovative und für uns Europäer so gänzlich fremde asiatische Volk hat doch immer wieder innovative Ideen, die den modernen Zeitgeist exakt auf den Punkt treffen. Die Begründerin dieses neuen Berufszweiges ist die Japanerin Marie Kondo. Von sich selbst sagt sie, dass sie schon immer ihre Zeit mit Aufräumen verbracht hat. Schon als Kind, wenn sie aus der Schule kam, sortierte sie im heimischen Bad den Inhalt des Spiegelschranks. Später arbeitete Sie als Ordnungscoach in Tokio. Ich wusste gar nicht, dass man so etwas wirklich braucht. Aber gut, andere Länder, andere Sitten! Aus ihrer, wie sie sagt „ Leidenschaft, sich lieber mit Dingen, als mit Menschen zu beschäftigen“ wurde im wahrsten Sinne ihre Berufung. Heute ist sie Kopf, einer ganzen Unternehmensgruppe und Chefin von vielen kleinen, fleißigen Aufräumberatern. Expansion ins europäische Ausland ist natürlich selbstverständlich. Bislang haben sich zwar nur die Eidgenossen von diesem Trend anstecken lassen. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Welle auch schon bald uns erreicht hat!

 Ehrlich, ich denke mit Grausen an die samstäglichen Aufräumaktionen bei uns Zuhause. Wir waren zu fünft. Meine drei Schwestern und ich teilten uns ein Zimmer. Was nicht immer einfach war, wenn man bedenkt, dass mich zu meiner ältesten Schwester gleich neun Jahre trennten. Platz war nie genug und unsere wenigen Habseligkeiten fanden Platz in einem, mit buntem dc-fix beklebtem großen Karton. Den Rest bewahrten wir in zwei Schränken und einer riesengroßen Kommode auf oder, was auch vorkam, wir kehrten es einfach unter unsere Etagenbetten.  Uns Mädchen war der Ordnungssamstag, wie wir ihn nannten, verhasst. Was nach einer Stunde nicht weggeräumt war und seinen Platz gefunden hatte, wurde gnadenlos entsorgt. So manches Liebgewonnenes fand ein jähes Ende im Ascheimer. Wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich gar nicht, ob es mich, als Kind, jemals von irgendeinem Ballast befreit hat. Ich kann mich nur an Tränen und Wut erinnern. Aber gut. Damals waren andere Zeiten und auseinandergesetzt habe ich mich damit reichlich. Dank einer wundervollen Therapie kann ich heute sogar hin und wieder darüber lachen.

Heute scheint es anders zu sein. Der moderne Mensch ist schlichtweg überfordert von all dem Zeug, das sich zu Hause anhäuft, von dem Spagat zwischen Heim, Familie und Arbeit und von unserer modernen Lebensweise.  In dem Artikel, den ich neulich über dieses Thema gelesen habe und aus dem ich auch meine Informationen beziehe, stand zu lesen, dass wir einfach verlernt haben, unseren Besitz  nach einer einzigen und völlig natürlichen Frage hin zu überprüfen.

WAS DAVON MACHT GLÜCKLICH !

Was den Test nicht besteht, darf getrost entsorgt werden. Ob man es wegwirft oder verschenkt ist hierbei keine Frage. Jeder darf mit seinem Eigentum machen, was er möchte. Natürlich gebe ich ihr recht, wenn Marie Kondo oder ihre schweizerische Mitstreiterin sagen, dass es wenig Sinn macht, Bedienungsanleitungen und Kleidung, die man schon jahrelang nicht mehr angezogen hat, oder unliebsame Geschenke aufzubewahren. Es kostet nur unnötigen Platz. Wobei, beide jedoch weiter gehen und völlig überzeugt behaupten, dass all dieser Mist am Ende nicht nur unser Heim vermüllt , sondern , obendrein auch noch unsere Seele zu kleistert, bis wir keine Luft mehr kriegen. Wer will schon am eigenen Mist ersticken? Ich nicht!

Während ich las, stellte ich mir daher die Frage, ob ich jemals zu irgendeinem Zeitpunkt meines Lebens vielleicht so eine Aufräumberaterin benötige? Bislang hab ich es alleine geschafft, mich von unnötigen Dingen im Hause zu trennen. Von Zeit zu Zeit hole ich den verhassten Aufräumsamstag aus seiner Versenkung. Anders, als zu Kindertagen, tue ich es freiwillig und ohne, dass ein anderer für mich die Entscheidung übernimmt, was wegkann und was nicht. Und natürlich gebe ich zu, dass so ein Aufräumtag gut tut. Am Ende fühle ich mich jedes Mal wie frisch geduscht, innerlich aufgeräumt und irgendwie auch zufrieden und glücklich. Und obendrein tut es meinem eigenen Zuhause gut. Übrigens beschränke ich diese Aufräumaktionen nicht nur auf meine eigenen vier Wände, wenn ich schon dabei bin, wird auch gleich der Garten von unliebsamen Mist befreit. Darüber kann schon mal ein ganzer Tag hinweggehen. Aber am Ende ist alles pik fein und sauber. Auch schön! Hilfe? Die brauch ich dabei nicht!

Was also unterscheidet mich von anderen modernen Menschen, die anscheinend nicht mehr in der Lage sind ihre eigenen Sachen aufzuräumen und sich Hilfe in Form einer Aufräumberaterin zu suchen? Ehrlich, ich weiß es nicht. Manchmal glaube ich, dass es mittlerweile zum guten Ton gehört für alles und jedes sich professionelle Hilfe zu suchen. Hab ich Stress mit meinem Partner, geht man zur Paarberatung, weil alleine geht es anscheinend nicht mehr. Ist der Ärger mit den Kindern zu groß, sucht sich die moderne Familie Hilfe bei einer Familientherapie und hat mein Hund , meine Katze, mein Vogel oder Hamster zu viel Schluckauf und frisst nicht mehr richtig, finde ich auch hier Hilfe, in Form von Tiertherapeutin, die seit Jahren, wie Pilze aus der Erde sprießen. Läuft`s im Job nicht mehr rund, werde ich sicherlich auch hier fündig und verpasse mir einen professionellen Work-Coach. Und  schon klappt es mit dem Karrieresprung! Tja, und nun gibt es auch noch den professionellen Aufräumcoach. Was will Mensch mehr?

Glaubt man der japanischen Aufräumfee, dann ist Aufräumen Therapie. Manche von denen, den sie geholfen hat, haben hinterher ein ganz neues Lebensgefühl entwickelt, auf magischer Weise überflüssige Pfunde verloren, mehr Erfolg im Job gehabt und sogar schönere Haut bekommen!

Komisch, dass mir das nie passiert ist! Ich meine all diese wundervollen Dinge, die angeblich nach großem Ausmisten passiert sein sollen? Räume ich einen ganzen Tag auf bin ich todmüde und das trotz des Gefühls innerlich leicht und beschwingt zu sein. Aber, dass es eine wirklich positive Veränderung auf mein Gesamtleben, auf Erfolg im Job und weniger Kilos auf der Waage gebracht hat,  mich zu einem besseren Menschen macht oder mich grundlegend und immer von Neuen in eine positive Gesamtstimmung versetzt , kann ich nicht unterschreiben. Und für schönere Haut benutze ich nach wie vor eine gute Tagescreme!  Vielleicht mach ich ja irgendetwas falsch? Vielleicht räume ich ja gar nicht richtig auf, sondern nur von A nach B oder von C nach D? Es könnte aber auch sein, dass ich mich noch nie von wirklichem Ballast befreit habe und die Frage, was mich glücklich macht, nicht vollkommen berücksichtigt habe?

 Neulich hielt ich eine alte Vase in der Hand. Mein erster Gedanke war „ wirf sie endlich weg“ und dann fiel mir ein, wie wunderschön ein Strauß Tulpen darin aussieht und, dass ich sie eigentlich gerne auf meinem großen Küchentisch stehen habe und was hab ich getan? Natürlich behalten und zu den fünf anderen Vasen zurückgestellt. Vielleicht ist das der kleine Unterschied, der mich von einer völlig neuen Lebensphase und dem Glücklich sein trennt? Und, als ich vor ein paar Tagen meinen Kleiderschrank aufräumte und die warmen Wintersachen gegen sommerliche, frische und leichte Kleidung tauschte und dabei auch das eine oder andere ohne mit der Wimper zu zucken ab in den Müllsack tat, fühlte ich mich zwar gut, aber hatte dennoch keine Lebenskrise , so wie die schweizerische Aufräumfee von einem ihrer männlichen Kunden berichtet. Nachdem sie seinen Schrank ausgemistet hatte, war er zwei Wochen nicht zu gebrauchen. Mein erster Gedanke, als ich das gelesen hatte, war ehrlicherweise der, dass dieser Mann nur deshalb völlig fertig war, weil er für sich ungewohnte Arbeit geleistet hatte. Aber dieser Gedanke ist natürlich absolut gemein und entbehrt jedweder Basis, weil , dieser Mann bislang der einzige männliche Kunde der Schweizerin war und es , wie in vielen Bereichen leider Gottes so ist, dass es vielmehr die Frauen sind, die ihre Hilfe suchen und sich selbstverständlich für das Aufräumen, wo auch immer , zuständig fühlen. Soweit geht die Modernität der Gesellschaft dann leider doch noch nicht, dass es in allen Köpfen angekommen ist, dass Aufräumen, Ausmisten und für ein behagliches Heim zu sorgen beileibe keine reine Frauensache ist.

Vielleicht und diese Idee fände ich wirklich mal bahnbrechend und überaus erfreulich würden sich anstatt Aufräumcoach und sogenannte Lebensberaterteams sich ganz einfach Menschen finden, die einen völlig neuen Berufszweig entwickeln und in den Köpfen der Männer und Frauen , mit Überzeugungskraft und Enthusiasmus den Gedanken einpflanzen, dass es keine Unterschiede mehr gibt zwischen den Geschlechtern. Dann könnten nämlich Mann und Frau, nach einem gemeinsamen Ausmisten, den Feierabend genießen, sich an dem erfreuen, was um sie herum ist und der Spagat zwischen Beruf, Haushalt und eigenen Lebenswünschen würde auf ein Millimeter zusammenschrumpfen.

Aber wer weiß, vielleicht wäre das auch zu viel des Guten und man würde damit uns, den modernen Menschen in ein noch viel größeres Chaos werfen? Wir kommen ja so schon kaum klar mit unserer modernen Lebensweise.

Und ja, es stimmt schon. Wir sind allesamt überfordert und dazu brauch es keine vollen Schränke, diverse Vasen oder alte Kleidung, die man sowieso nicht mehr trägt. Das Leben selbst, dieses Mitrennen, das tägliche Beißen und Stoßen, die Überlegung, was kann ich noch besser machen, welcher Weg ist jetzt für mich der richtige, wo finde ich mein ganz persönliches Glück, wie hoch kann ich noch auf der Karriereleiter emporsteigen und optimiere ich mein Leben wirklich optimal, macht uns krank und anfällig für alle Coaches dieser Welt.

Was wir brauchen ist Ruhe und etwas mehr Beschaulichkeit oder, etwas moderner ausgedrückt

SLOW MOTION

 und ich bin mir ganz sicher, wenn wir es endlich schaffen, unser aller Leben und sei es auch nur minimal in eine andere Richtung zu lenken und uns abzuwenden von diesem höher, schneller, weiter als alle anderen, wird uns auch der Krümel auf dem Boden oder das unliebsame Geschenk nicht mehr aus der Bahn werfen.

Es kommt auf einen Versuch an!

 

In diesem Sinne herzlichst eure Lilo

 

 

  

 

 

 

  

  

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