Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Das beste Alter ist jetzt oder doch nicht?

Das beste Alter ist jetzt, steht, als Titel auf einem kleinen Buch das mein Mann vor kurzem zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Es erwischt uns jeden Tag, steht auf der Rückseite zu lesen. Stimmt, dazu bedarf es jedoch keinen klugen Ratgeber. Das wissen wir auch so, und zwar ohne jeden Tag in den Spiegel zu schauen. Um dem natürlichen Alterungsprozess wenigstens etwas entgegenzuwirken, treibt es mich, wie hunderttausend andere meines Alters oder älter, Woche für Woche ins Fitnessstudio. Hier stemme ich Gewichte, biege und verrenke mich auf der Matte, bis es knirscht und kracht und hüpfe, wie sollte es anders sein, wie ein junger Frosch drei Einheiten auf dem Stepper. Unter meinen Sportgefährten bin ich sozusagen der Teenager. Wer wirklich einmal sehen möchte, was ältere Menschen tun, um jung und fit zu bleiben, sollte sich die Mühe machen und morgens zwischen 9 und 11 Uhr in eines dieser Fitnessstudios kommen. Hier steppt der Bär und nicht nur das. Während wir Ü 50, 60 und 70er uns abmühen und möglichst, bei dem, was wir tun, auch noch  versuchen gut auszusehen, werden unsere Gehörgänge von Popmusik beschallt. Manchmal nervig, weil die Musik vielleicht nicht unbedingt unseren Geschmack trifft und manchmal kann man gar nicht anders, als im Rhythmus mitzugehen. Vor ein paar Tagen, ich war gerade bewaffnet mit zwei Hanteln und versuchte meinen Bauchmuskeln neues Leben einzuhauchen, hörte ich einen Song der Gruppe Revolverhelden. Schon nach der ersten Zeile hörte ich für einen Moment auf, meinen Körper zu stählern und lauschte aufmerksam dem Text. Es ist nicht unbedingt meine Musik, aber die Worte nahmen mich mit, auf eine kleine Reise zu längst vergangenen Zeiten. Führten mir so zusagen vor Augen, wie lange es zurücklag,  meine erste Zigarette, der erste zaghafte Kuss, das erste Konzert , die erste Liebe , die erste große Angst zu versagen, das erste Mal so absolut , grenzenlos glücklich zu sein und zu glauben, nichts in der Welt könnte einen aufhalten. Irgendwann, im Refrain sangen sie dann:

Es ist so viel passiert und die Momente vergehen nur dieses Gefühl bleibt für immer bestehen

Ist es wirklich so? Wenn ich über meine gelebten Jahre nachdenke, kommen mir nicht als erstes genau diese Momente in den Sinn. Klar, manchmal sind flüchtige Gedanken daran vorhanden. Sie streifen mich eher, wie eine kleine Brise am Nordseestrand es tut. Und manchmal passiert es auch, dass ich mich über die eine und andere erlebte Situation,  von anno dazumal noch im Nachhinein köstlich amüsiere oder so etwas, wie Wehmut empfinde. Aber mehr ist da nicht!

Mein erster Film? Bambi. Und nein, ich möchte diesen Film nicht in endloser Dauerschleife in meinem Kopf haben. Er war schön, ohne Zweifel, wie eben alle Disney Filme.  Dennoch hat die Szene, als Bambi seine Mutter auf tragischerweise verliert, in meinem damaligen kindlichen Gemüt, irreparable Schäden hinterlassen. Mein erster Kuss? Oh Gott bewahre mich vor dieser Erinnerung. Selbst, wenn ich sie mit rosa Watte und einer bunten Blumengirlande ausschmücke, wird sie dadurch nicht besser. Es war alles andere als schön. Meine erste Zigarette? Da war ich 16 und hab mir die Seele aus dem Leib gehustet. Natürlich fühlte ich mich damals wahnsinnig cool und erwachsen. Aber das hat nichts mit dem Glimmstängel zu tun, sondern, mit 16, 17 und 18 fühlt man sich eben genau so, wie ich damals. Man ist erwachsen und alle anderen sind blöd!  Die Erinnerung daran ist also alles andere als erstrebenswert. Bestenfalls sollte sie mich daran erinnern, mir endlich das Rauchen abzugewöhnen. Mein erstes Konzert? Jupp, da war ich zwölf und saß in Hamburg auf der Bühne der damaligen Musikhalle. Alle anderen Plätze waren restlos ausverkauft. Ich muss allerdings zugeben, dass ich von den meisten Liedern, die Adamo damals voller Inbrunst zum Besten  gab nur die Hälfte verstanden hatte. Ich war noch viel zu jung für poetische Liedermacher. Das erste richtige Konzert war dann 76. Letzte Reihe und ich habe geheult wie ein Schlosshund und war total hysterisch. Am Ende fiel ich in Ohnmacht, weil mir irgendwann vor lauter Schreien ganz einfach die Luft wegblieb. Den Rest des Konzertes der Bay City Rollers,  habe ich, wie übrigens vieler meiner Leidensgenossinnen, im Raum der ASB verbracht. In der einen Hand ein Tempo und in der anderen ein Pappbecher Wasser und fühlte mich so unendlich einsam, weil ich anstatt meinem Idol nahe zu sein, auf einer Pritsche saß und die Chance einfach verpasst hatte. Heute gehört diese Erinnerung zu denen, über die ich mich köstlich amüsieren kann. Damals war der Gedanke daran unerträglich. Meine erste große Liebe? Oh ja, die gab es auch. Ich war 16 und bis über beide Ohren verknallt. Urlaubslieben haben selten ein Happy End, besonders dann nicht, wenn sie, wie meine, hinter dem Eisernen Vorhang stattfand. Für die erste gemeinsame Nacht, ein Jahr später, haben wir teuer bezahlt. Heute kann ich darüber lachen. Damals dachte ich, ich würde für immer und ewig in der Arrestzelle der Miliz von Mangalia sitzen müssen. Die erste große Angst zu versagen? Ich frage mich gerade, ob diese Sorge überhaupt irgendwann wieder vergangen ist? Eigentlich begleitet sie einen doch auf unterschiedlicher Weise das ganze Leben! Gut, nicht immer präsent aber unterschwellig ist sie dennoch vorhanden. Das erste Mal so unendlich glücklich, schwerelos und auf Wolken schwebend? Klar, gab es dieses Gefühl. Bestimmt schon hunderttausendmal erneut und eigentlich könnte ich gar nicht genau sagen, welches Ereignis, dass mir dieses wahnsinnige Gefühl beschert schöner oder besser gewesen sein soll. Die Situationen waren allesamt gut, sonst hätte ich doch nie so empfunden.

Es ist also Blödsinn zu glauben, dass nur die Gefühle, die wir in jungen Jahren erleben,  die größten und besten sind. Sie erscheinen einem nur so wahnsinnig toll, weil man zum allerersten Mal so empfunden hat, man jung ist und, weil der Mensch dazu neigt, Erinnerungen  gerne zu verklären und ihnen unweigerlich damit einen leuchtenden Schein verleiht. Situationen, die erst gestern oder vorgestern waren, können dagegen nicht anstinken. Wer sagt, schon << weißt du noch gestern? Eher kommt einem, da ein << weißt du noch vor Jahren, als wir….? < über die Lippen.

Selbstredend sind Gefühle nicht gleich. Was daran liegt, dass wir, gewisse Dinge zwar öfter genauso erleben und sie dennoch nie Schritt für Schritt tun. Manchmal können dazwischen Monate oder Jahre liegen. Die Geburt meines ersten Kindes war atemberaubend, aufregend und wunderschön. Aber ehrlich, die darauffolgenden zwei, waren ebenso atemberaubend und wunderschön. Sind sie deshalb, weil man sie zum zweiten oder dritten Mal erlebt schlechter? Nein , auf keinen Fall,  weil jedes Alter, jede Lebensphase, seine ganz eigenen neuen Gefühle , neue Erfahrungen, neues Glückund neue Herausforderungen, hervorbringt und man in manchen Situationen glaubt, nie wieder so empfinden zu können.

Das beste Alter ist jetzt! Steht auf dem Titel eines kleinen Buches geschrieben. Und der Titel hat verdammt nochmal Recht! Haben wir, die schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel tragen die beste Zeit wirklich schon hinter uns? Mitnichten, ist es so. Mag sein, dass nicht mehr jeden Tag aufregendes passiert und manches einem so bekannt vorkommt, wie ein alter ausgetretener Schuh. Aber dennoch gibt es keinen Grund nicht daran zu glauben, dass nicht noch so wahnsinnig viele und atemberaubende Dinge passieren, die einen so richtig umhauen können, das Gefühl geben absolut glücklich und grenzenlos frei zu sein und das Leben so richtig spüren lassen.

Das beste Alter ist jetzt. Genau die Zeit , in der wir gerade leben, weil sie real ist und wir jeden Tag aufs Neue die Chance haben, für uns das Beste draus zu machen. Und ehrlich. Ich möchte gar nicht mehr Teenager, zwanzig, dreißig oder vierzig sein. Vielleicht würde es mir gefallen, wenn ich, von Zeit zu Zeit, die Jahre, und wenn auch nur für eine kurze Weile anhalten könnte und auch nur deshalb, weil die Zeit manchmal so wahnsinnig schnell vergeht. Aber das beste Alter ist jetzt und wir sollten jeden Tag mit kindlicher Neugierde und offenen Armen darauf zu laufen.

Wie sagt Erich Kästner so trefflich:<< es gibt nichts Gutes, außer man tut es<<

also, worauf warten wir noch? Leben wir jetzt und nicht in der Zukunft und schon gar nicht im gestern.  

 

In diesem Sinne.

Herzlichst eure Lilo

   

 

Email