Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

 

Ein Hoch auf unsere Kinder oder, von wegen Null-Bock-Generation

Fridays for Future! Was für eine bemerkenswerte und lobenswerte Aktion! Und, was tun wir? Einige Erwachsenen und Herren und Damen der Politik, verbreiten negative Stimmungen und betiteln diese streikenden jungen Menschen, als Schwänzer und Tunichtgut. Anstatt unsere Kinder und Jugendliche, in ihrem Engagement zu unterstützen, zu stärken und ihnen Mut zu machen sich für ihr Recht einzusetzen, wird genörgelt , kritisiert und ellenlang darüber debattiert, ob man ihr Fernbleiben vom Unterricht sanktionieren sollte und schickt Blaue Briefe!

Ja. Natürlich hätten sie nach der Schule demonstrieren können! Sie hätten auch gar nichts tun können, so wie man es ihnen seit Jahrzehnten nachsagt, nämlich eine Masse von uninteressierten Menschen zu sein, denen nichts wichtiger ist, als ihr Smartphone und social Media. Nun, haben sie uns, ihren Eltern, Lehren , Politiken und den hohen Bossen der Wirtschaft eines Besseren belehrt und gezeigt, dass das ganz und gar nicht der Fall ist! Doch Applaus erhalten sie wenig. Die meisten Reaktionen sind unverständlich und die Schelte, die sie einfangen absolut unberechtigt.

Hätte auch nur ein Pilot, ein Bergmann, ein Stahlarbeiter am Nachmittag gestreikt, hätte ihnen auch nur ein einziger ihr Gehör geschenkt, wären Forderungen erfüllt worden und hätte die Gesellschaft, freiwillig oder unfreiwillig daran Anteil genommen? NEIN! Also, warum sollten es dann unsere Kinder tun? Nur, damit einige unter uns zufriedengestellt sind und man ihnen auf fragwürdiger Weise beweist, dass Schule wichtiger ist, als ein gesundes Ökosystem und eine Welt, in der man auch noch Morgen leben kann?

 In den Siebzigern und Achtzigern gab es schon einmal eine fatale und gefährlich politische Zeit. Damals, als der Ostblock und der Westen sich im gegenseitigen Aufrüsten ihre Stärke beweisen wollten und die Welt beinah in einen atomaren Krieg verwickelt hätte. Ich gehörte zu denen, die aus Angst und Sorge, um eine unbelastete Zukunft, auf die Straße gegangen ist und mit Arafat – Tuch, Friedenstaube und einem selbstgemaltem Schild, mit der Aufschrift "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!" sich für ihr Recht eingesetzt hat. Dass wir es samstags und sonntags getan haben , hatte nichts damit zu tun, dass wir damals besser, als unsere heutigen Kinder waren, sondern, mit dem Umstand, dass wir wesentlich unfreier erzogen worden. Wir hätten uns niemals getraut dem Unterricht fernzubleiben. Natürlich hat die Masse ein Umdenken erreicht. Aber auch nur, weil viele Monate, wenn nicht sogar Jahre, dafür gekämpft wurde.

Bei allem Respekt!  Hat vielleicht auch nur einer von denen, die lauthals ihr Handeln kritisieren daran gedacht, dass unseren Kindern der Arsch auf Grundeis geht? Bestimmt nicht! Denn sonst wären die Reaktionen andere, als die, die wir in den letzten Tagen so häufig gehört haben. Ich finde das verdammt traurig, dass man ihnen das Recht abspricht, ebenso zu den Zeiten für ihr Recht auf die Straße zu gehen, wie es Millionen Arbeitnehmer tun, um für mehr Gehalt, weniger Arbeitsstunden und bessere Bedingungen zu kämpfen. Ich frage mich, ob die Gesellschaft gerne mit zweierlei Maß bewertet oder, ob das alte Prinzip, Kinder sind Kinder und haben keinen Anspruch darauf ernst genommen zu werden noch immer Gültigkeit hat? Ja, ihr dürft etwas sagen, aber bitteschön in eurer Freizeit und wenn, bitte nicht so laut! Genauso kommt es mir vor! Die zweite Frage, die ich mir dabei stelle, ist die, ob es wirklich sein kann, dass die Gesellschaft, Forderungen der Arbeitnehmer für wichtiger erachtet, als das, was unseren Kindern so immens wichtig ist? Sie haben Angst, um es einfach mal klar auszudrücken. Angst schert sich ein Dreck darum, ob man eine Bio-Arbeit versäumt oder den Mathematikunterricht. Wenn den Herren und Damen, der Politik, der Unterricht so wichtig ist, frage ich mich drittens, warum denn so wenig dafür getan wird, dass an deutschen Schulen der Unterricht nicht mehr ausfällt? Seit Jahren sind die Situationen, an manchen Schulen derart desolat, dass Unterricht kaum oder nur in eingeschränkter Funktion möglich ist. Lehrkörper fehlen an allen Ecken und Kanten! Nur darüber spricht man nicht gerne öffentlich und verhüllt es lieber mit dem Mantel des Schweigens. Hier sollten sie mal ansetzen und lauthals reagieren. Was den Kritikern nämlich wirklich bei der ganzen Sache sauer aufstößt ist, dass unsere Kinder, sie in ihrer Unfähigkeit vorführen und an ihrer Achillesferse packen. Die Jugend lässt sich nicht weiter veräppeln und stellt Forderungen, die den Politikern und Wirtschaftsbossen ganz und gar nicht gefallen! Die Zeiten, in denen sie so tun können, als würden sie etwas tun, sind vorbei! Jetzt ist Handeln angesagt, wo sonst Schweigen und Unfähigkeit herrscht. Der Protest ist längst überfällig und wichtig! Das, was unsere Kinder tun, ist ihr gutes Recht und sie dürfen weder unbeachtet noch ungehört bleiben!

Im Duden steht unter Schwänzen folgendes: an etwas planmäßig Stattfindendem, besonders am Unterricht o Ä. nicht teilnehmen, dem Unterricht o Ä. fernbleiben, weil man gerade keine Lust dazu hat.

Tut mir leid, das erkenne ich beim besten Willen nicht! Es geht hier nicht um abwesend sein, ausbleiben, der Arbeit fernbleiben, der Schule, dem Unterricht fernbleiben, nicht erscheinen, nicht hingehen , nicht kommen , nicht teilnehmen, blaumachen, krankfeiern, wegbleiben oder ironisch ausgedrückt durch Abwesenheit glänzen, sondern, um viel mehr! Verdammt noch eins, genau das tun unsere Kinder und Jugendliche nämlich nicht! Sie gehen nicht jeden Freitag für Freitag auf die Straße, weil sie keinen Bock auf Schule haben, sondern, weil ihnen eine Welt, in der man noch atmen und leben kann, in der wir nicht von Müll überdeckt werden und unsere Meere nicht von Plastikfluten bedroht, lebenswerter und wichtiger erscheint, als sechs Stunden Unterricht. Ist das verwerflich? Nein! Ist es nicht. Sie tun es für sich, für uns, ihren Müttern und Vätern, Großeltern, für die nachfolgende Generation und letztendlich auch für diejenigen, die dies heute kritisieren.  

Ich finde das höchst lobenswert und schäme mich für manche unqualifizierte Äußerung und unsachgemäße Kritik an ihrem Tun. Klar, will ich gar nicht verhehlen, dass es hier und da Mitläufer gibt, die lieber in irgendeinem Café sitzen und sich die Zeit, bei einem Latte Macchiato versüßen. Aber Mitläufer sind so alt wie die Welt und ändern nichts an der Tatsache, dass der überwiegende Teil, derer die streiken, mit Herzen bei der Sache sind. 

Was Politiker, aller Nationen, seit Jahrzehnten nicht schaffen, nämlich dafür zu sorgen, dass unsere Welt auch noch morgen lebenswert bleibt, weil sie lieber ihre Hälse nach den Lobbyisten und Wirtschaftsmächten strecken und immer wieder Ausflüchte finden, um nicht handeln zu müssen, liegt jetzt in unseren Händen. Wir, die Erwachsenen sehen und sahen seit Jahrzehnten mehr oder weniger tatenlos zu. Dabei hätten wir alle schon längst aufstehen müssen und wie unsere Kinder laut fordernd unsere Plakate hochhalten müssen, hätten, wie sie jeden Freitag auf die Straße gemusst und uns für eine saubere Welt einsetzen müssen!  Jetzt, wo es uns unsere Kinder vormachen, wird den meisten bewusst, wie wenig wir eigentlich getan haben und was noch zu tun ist, um das Ziel zu erreichen. Wir alle wissen schon längst, dass es fünf vor 12 ist! Was bleibt uns noch? Zeit, die haben wir nicht mehr. Aber wir können unseren Kindern die Hand reichen und mit ihnen gemeinsam einen neuen besseren Weg einschreiten und aufhören ihr Tun ad absurdum zu führen, in dem wir Ihnen Faulheit und null Bock unterstellen!  

Herbert Grönemeyer hat, wie ich finde, vor Jahrzehnten ein absolut passendes Lied geschrieben. In seinem Song „Kinder an die Macht“ heißt es so schön:

Gebt den Kindern das Kommando

Sie berechnen nicht, was sie tun

Die Welt gehört in Kinderhände

Dem Trübsinn ein Ende

Wir werden im Grund und Boden gelacht

Kinder an die Macht.

 Auslachen sollte sie keiner, nicht mal für das, was sie tun kritisieren. Wir sollten sie endlich ernst nehmen und ihnen die Freiheit lassen, auf die Straße zu gehen, wann, wo und wie oft sie wollen!  

Vielleicht ist das die beste Entscheidung die, die Menschheit sich und der Welt antun kann.

 

In diesem Sinne

Herzlichst eure Lilo

 

 

 

 

    

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