Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Heimathafen

Ich muss ja zugeben, seitdem ich eine Bekannte im deutschen Bundestag weiß, bin ich viel interessierte an den vielfältigen Debatten geworden. Ja, natürlich ist das ziemlich oberflächlich. Mit dieser Erkenntnis kann ich gut leben! Nicht, dass es mich zu früheren Zeiten nicht interessiert hätte. Aber wo ich früher erst umständlich recherchieren musste, um zu wissen, welche Themen, wann und vor allen Dingen, zu welcher Uhrzeit auf dem Plan standen, wird es mir heute sozusagen, frei Haus, auf dem silbernen Tablett serviert. So wie neulich die Debatte über unsere , ach so schöne deutsche Sprache. Immerhin, die Sprache Goethes, Schillers und so manchem anderen Dichter und Denker. Aber keine Bange! Ich habe nicht vor hier und jetzt über Politik zu schreiben. Das dürfen gerne andere tun! Von mir aus auch gerne, wie geschehen, mal verbissen, ja beinah schon bissig oder amüsant und mit sehr viel Humor gespickt. Dennoch spuckt seit Tagen eine Frage in meinem Kopf herum. Wie ist es eigentlich bei mir, mit meiner Muttersprache? Liebe oder hasse ich sie, mag ich sie gerne sprechen oder hätte ich lieber eine andere erlernt? Auch die Frage, ob ich mich mit ihr und über sie, als Deutscher identifiziere und sie als schützenswert betrachte und, ob ich überhaupt so etwas wie Nationalstolz empfinde, tauchte unweigerlich in meinen grauen Gehirnzellen auf. Ehrlich, wenn ich es mir, zu irgendeinem Zeitpunkt meines Lebens hätte wünschen können, auch nachträglich, hätte ich mich sofort und augenblicklich für die englische Sprache entschieden. Nicht, weil ich sie schöner oder klangvoller empfinde, sondern, aus dem einfachen Grund, weil sie die Sprache ist, die die Welt versteht. Das Leben, zu mindestens das Sprachliche, wäre um einiges einfacher, wenn ich es aus dem FF beherrschen könnte. Was hätte ich, als ich mir die Oscar- Verleihung angesehen habe mitlachen können und vor allen Dingen hätte ich jede auch noch so lange oder kurze Rede ohne Schwierigkeiten verstanden! Ja, das hätte mir gefallen! Oder, denken Sie doch nur mal an ihren nächsten Urlaub. Egal, wohin sie reisen oder welche Metropolen sie auch besuchen, mit Englisch sind sie sprachlich immer gut beraten. Ja, es hat schon Vorteile diese fremde Sprache zu können. Nun gehöre ich leider zu den Menschen, für die diese Sprache, in manchen Fällen, dann doch noch ein Buch mit sieben Siegeln ist. Gut, in den letzten Jahren ist es viel besser geworden. Dank an meinen kanadischen Verwandten und ihrer unermesslichen Geduld. Aber, wenn ich es genau betrachte, bin ich weit von einem „ ich verstehe alles „ entfernt. Nach dem Antrag, um den es in der Debatte im Bundestag ging, sollte ich mir darüber jedoch keine Gedanken machen. Deutsche reden Deutsch und damit Basta! Soll`n die Anderen doch sehen, wo sie bleiben. Die Rechten in unserem Land möchten keine sprachliche Vielfalt und schon gar nicht dieses verhasste Denglisch. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir unsere deutsche Sprache verhunzen und einer gewissen Lächerlichkeit preisgeben? Womöglich würde Goethe sich im Grabe umdrehen, wenn er hören könnte, was aus unserer deutschen Sprache geworden ist! Würde er es wirklich tun? Immerhin stammen aus seinem Munde auch die Worte:

<< der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause ist<<

Da haben wir es wieder. Deutsche lernt Sprachen, damit man euch versteht. Ich glaube ja, dass diese Aufforderung eher etwas damit zu tun hatte, dass schon zu seiner Zeit Deutsch nicht in aller Munde war. Wer damals etwas auf sich hielt, redete Französisch. Heute spricht kaum noch jemand die Sprache der Liebe. Und, haben sich die Franzosen darüber lauthals beklagt?

Es ist nun mal so, dass Sprache allein nichts mit Identifikation zu tun hat. Deutsch wird in Österreich, einem kleinen Teil der Schweiz und sogar an der deutsch- dänischen Grenze gesprochen. Es ist kein alleiniges Privileg der Deutschen. Und abgesehen davon reden wir Deutschen ja nicht mal alle dieselbe Sprache. Von Norden nach Süden reden wir unsere Dialekte und mal ehrlich, haben Sie schon mal versucht Ur-Bayrisch zu folgen oder hinter den sprachlichen Geheimnissen der Franken zu kommen? Ganz zu schweigen von Sächsisch, ein Dialekt, den ich nicht mal im Traum einwandfrei reden möchte. Nein! Es ist und bleibt eine der größten Launen der Natur, wo wir hineingeboren werden und welche Sprache wir zukünftig die unsere Nennen dürfen. Es ist also nicht vonnöten darauf stolz zu sein oder sich als etwas Besseres zu fühlen, nur weil man hier und nicht in einem anderen Land das Licht der Welt erblickt hat. Wäre ich in Afrika oder China geboren worden, würde ich heute vielleicht Suaheli sprechen oder eine der 300 chinesischen Sprachen, einschließlich Mandarin. Letzteres wäre heute vielleicht sogar von Vorteil. Immerhin zählt China zur meist bevölkerten Nation der Erde und mutiert gerade zur wirtschaftlichen Weltmacht auf. Und wer weiß, vielleicht ist schon in dreißig Jahren Englisch eine Sprache, die kaum noch in der Welt gesprochen wird, weil sie durch Mandarin ersetzt wurde.

Die Welt und demzufolge auch die Sprachen sind und waren immer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen untergeordnet. Niemand redet heute noch so wie unsere Vorfahren im Mittelalter oder in der Biedermeierzeit. Sprache erfährt immer ein Wandel und, was heute En Vogue ist, kann morgen schon ein alter Hut sein.

Das Einzige, worüber wir Menschen uns überhaupt als Einheit erfahren ist unsere Nationalität. Es ist nichts Schlechtes daran. Der Franzose ist stolz darauf Franzose zu sein, der Italiener stolz darauf Italiener zu sein und ich bin davon überzeugt, dass ein Afrikaner aus einem kleinen Dorf in Mali ebenso stolz auf sein Herkunftsland ist, wie der Holländer und Chinese. Es wird nur erst dann gefährlich und erhält einen bitteren Beigeschmack, wenn wir vor lauter Nationalstolz, Menschlichkeit, Gleichheit und das Globale aus den Augen verlieren. Nationalität darf nicht dazu führen, dass wir über andere richten und die gegenseitige Akzeptanz verlieren.

Auf die Frage, ob ich also so etwas wie Nationalstolz empfinde, kann ich nur mit einem Nein antworten. Ich bin nicht stolz darauf in Deutschland geboren zu sein, ich bin nicht mal stolz darauf die Sprache der Dichter und Denker zu sprechen. Obwohl, zugegeben, keine andere Sprache so wundervolle Worte wie Gemütlichkeit, wunderschön, zauberhaft oder Kindergarten aufzuweisen hat. Dennoch ist es nichts worauf ich hätte Einfluss nehmen können. Glauben Sie mir, in meiner familiären DNA gibt es einige Nationalitäten und letztendlich haben nur meine beiderseitigen Urgroßeltern dafür gesorgt, dass ihre Nachkommen aus Deutschland stammen und nicht von der Masurischen Seenplatte oder aus dem hohen Norden.

Wenn ich überhaupt auf etwas stolz bin, dann darauf, dass meine Eltern, in den Vierzigern den Mut hatten, in die schönste Stadt Deutschlands zu ziehen. Hamburg ist unsere Heimat, mein Heimathafen. Ich bin Hanseatin durch und durch und auf meine Heimatstadt lass ich nichts kommen. Ich liebe diese gute,  alte,  und ehrwürdige Dame mit Herz und Verstand und bin ihr in jedweder Hinsicht hoffnungslos verfallen. Und, was die Sprache angeht. Nun, da halte ich es gerne, wie alle Hamburger. Am liebsten schnacken wir eine liebevolle Mischung aus Hochdeutsch und urigem Hamburger- Platt.

In diesem Sinne

Moin, moin eure Lilo David

 

 


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