Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Irrtümer, in der eigenen Wahrnehmung sind nicht ausgeschlossen!

Wer hat Oberschenkel von der Breite einer Elefantenkuh, Füße, so groß, wie ein Elbkahn und einen Hintern, der dem eines Ackergauls ähnelt? Na. Kommen Sie darauf? Ich! In meiner Vorstellung sehe ich aus wie Frankensteins Tochter. Dass das nicht stimmt und, die Welt da draußen mich anders sieht  und meine Physiotherapeutin mir erst neulich gesagt hat, << Sie sind so schlank<< und mein Mann mir auf die Fragen, ob ich nicht viel zu dick bin und noch attraktiv aussehe, schon lange keine Antwort mehr gibt und stattdessen nur seine Augenbrauen hochzieht,  ändert an meiner falschen Wahrnehmung rein gar nichts. Statistisch gesehen hält sich jede dritte Frau für zu dick und erkennt oft, an ihrem eigenen Körper nur das, was Sie stört oder Sie nach ihrer Vorstellung unattraktiv wirken lässt. Männer hingegen liegen in der Statistik nicht so weit oben. Noch nicht mal jeder fünfte Mann empfindet sein Aussehen als negativ oder hält sich für zu dick. Dass wir Menschen uns selbst im Spiegel anders betrachten, als es die da draußen tun, ist allgemein nichts Neues. Unser Auge sieht halt nicht unbedingt das, was es sehen soll, sondern oft nur das, was es sehen will. Das ist, wie ich finde, ein großer und bedeutender Unterschied.

 Die Frage, nach der eigenen Attraktivität treibt jeden um. Dabei sind wir nicht immer nur den eigenen Wünschen aufgesessen, sondern oft genug dem, was Medien und Modezeitschriften uns vorschreiben. Das gilt für Männer und Frauen übrigens gleichermaßen. Attraktivität ist heute ein großes Thema, und zwar in jeder gesellschaftlichen Schicht und auf der ganzen Welt. Überhaupt, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung aufgetan, die einem doch manchmal erschrecken kann und zum Nachdenken anregen sollte. Nicht nur, dass uns vorgeschrieben wird, wie wir auszusehen haben, um einem allgemeinen und manchmal fälschlichem Schönheitsideal zu entsprechen, wird uns auch noch suggeriert, dass Alter heute out ist und man bitteschön immer jung, dynamisch, frisch, attraktiv und vital und das auch jenseits der sechzig zu sein hat. Das Damoklesschwert hängt also über jedem von uns und wehe, wir halten uns nicht daran! Gemächlich alt zu werden, wie es noch unsere Eltern und Großeltern tun konnten, scheint heute beinah unmöglich zu sein. Wussten Sie, dass der größte Anteil an Fitness begeisterten Menschen nicht bei den unter fünfzigjährigen zu suchen ist, sondern bei denen, die die sechzig überschritten haben? Und wussten Sie auch, dass sehr viel mehr ältere durch Wald und Heide joggen, als jüngere Altersklassen?

 Dabei können wir uns noch so sehr abstrampeln. Am Alter oder dem Älterwerden führt einfach kein Weg vorbei. Es sei dann man – nee, das ist nun wirklich keine gute Option. Aber wir Menschen wären keine Menschen, wenn wir nicht Wege und Mittelchen finden würden, die das Altern verlangsamen oder bestenfalls gleich aufhalten. Was sportliche Aktivität nicht erreicht, schaffen Botox, Hyaluron-Spritzen, Facelifting und manch angepriesene Wundercreme. Für den Rest bedienen wir uns einfach des Satzes, aus einer der wohl bekanntesten literarischen Bücher  << man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar<<. Aus  Der kleine Prinz. So ein wenig „ Selbstbetrug“ kann auch von Zeit zu Zeit recht hilfreich sein. Schon längst reden wir nicht mehr über unser wahres Gewicht und auch über unser Alter wird oft genug geschwiegen. Davon, dass vielleicht dem einen oder anderen Ü 50 oder Ü60 die Knochen wehtun und man einen Nachmittag ruhig auf der Couch einer sportlichen Ertüchtigung vorziehen würde, redet man erst gar nicht. Schon zu früheren Zeiten galt der Spruch<<, wer rastet, der rostet<<. Heute, scheint mir dieser alter Ausspruch die Eintrittskarte zum ewigen Jungbrunnen zu sein. Alt sein ist out, dick sein ist out, unattraktiv zu sein ist out und überhaupt scheint mir, ist das Normale heute zunehmend unnormal. Egal, wo man hinsieht, hinhört oder welche Zeitschriften man auch immer zu Hand nimmt. Überall liest man Artikel über eine bessere und gesündere Ernährung, ausreichender sportlicher Betätigung und, wie man es auch im Alter schafft noch jugendlich zu sein und vor allen Dingen auszusehen.

 Wer heute sich noch traut ein dickes Steak zu essen, muss ja fürchten im Keller verband zu werden. Vegane oder wenigstens vegetarische Ernährung steht hoch im Kurs. Auch Formate, wie - weight watchers -  erfreuen sich zahlreicher neuer Anhänger und jeder dritte hat bereits das Wundermittel - Slim Fast - ausprobiert. Selbstverständlich alles ohne Gewähr und vor den Jo-Jo- Effekten, wird auch nicht gewarnt. Bücher, über eine gesunde und vor allen Dingen jünger machende Ernährung gehen weg, wie warme Semmeln. Wir Menschen scheinen heute so sehr Angst davor zu haben, alt zu werden oder alt auszusehen, dass wir alles Erdenkliche in Erwägung ziehen, um unserem natürlichen Alterungsprozess aufzuhalten, um möglichst so lange wie nur irgend möglich, um Jahre jünger auszusehen und auch zu wirken. Das Alter spielt heute eine viel größere Rolle, als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, wohin gegen sich die Akzeptanz beinah in Luft aufgelöst hat. An Bilder, lächelnder und beschwingter End- sechziger und siebziger, die auf Rockkonzerten ebenso wie zu anderen Gelegenheiten oder Veranstaltungen tanzen, rocken und mit johlen, haben wir uns alle gewöhnt. Das Kaffeekränzchen unserer Großmütter und Mütter, erscheint uns, wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit und Udo Jürgens würde heute mit seinem Hit << aber bitte mit Sahne<< glatt am Trend vorbeisingen. Dass unsere eigene Wahrnehmung da Irrtümern aufgesessen ist, wen wundert das? Heute ist vierzig das neue dreißig, fünfzig das neue vierzig und sechzig das neue fünfzig. Mich würde es gar nicht wundern, wenn es dann auch bald heißt, << zwanzig ist das neue zehn<<

 Überhaupt, scheint das eigene Alter heute für nichts mehr ein Hindernis zu sein. Nicht jeder ältere Herr oder Frau, mit jüngerem Kind an der Hand, ist auch der Großvater oder die Oma. Da mag man gerne anderer Meinung sein und vielleicht auch insgeheim den Kopf schütteln, aber die Zahl derer, die einer späten Elternschaft entgegensehen ist enorm und, wenn man den neuesten Erhebungen, Glauben schenken darf, wird sich die Zahl, in den nächsten Jahren sogar noch erhöhen. Die Fettnäpfchen, in die wir heute treten können, sind zahlreich. Erst neulich war ich Zeuge, wie ein junger Mann so tief in ein Fettnäpfchen trat, wie man nur treten konnte. Ungeniert fragte er einen älteren Mitleidensgenossen, der wie ich versuchte, dem natürlichen Verfall und der Anziehungskraft, mit Fitness entgegenzuwirken, ob er seinen Enkel mitgebracht hätte. Die meisten, der Anwesenden quittierten diese Frage mit einem fast schon hämischen Lächeln. Der späte Vater hingegen nahm es mit Humor und verneinte grinsend. Ihm war es anscheinend nicht peinlich. Wo gegen der junge Mann sichtlich unangenehm berührt war und sich tausendmal für sein „ faux pas „ entschuldigte. Dabei finde ich, muss einem eine solche Frage überhaupt nicht peinlich sein. Trotz aller jugendlichen Euphorie gelten Männer und Frauen jenseits der fünfzig nicht mehr als potenziellen Eltern. Und, vielleicht hat sich der junge Mann, trotz seines Fettnäpfchens dennoch, wie ich,  die gleiche Frage gestellt, ob sich späte Eltern in Gänze bewusst sind, dass sie womöglich weder am Tag der Schulentlassung noch zu anderen wichtigen Lebensereignissen ihrer eigenen Kinder anwesend sein werden? Vielleicht, mag ein spätes Kind so etwas, wie ein Jungbrunnen sein, so eine Art Wiedergeburt der eigenen und verflossenen Jugend,  mit dem sie vor ihrer eigenen Endlichkeit ein wenig davon laufen? Dabei erliegen sie ebenso dem fatalen Irrtum, wie ich, wenn ich glaube, dicker zu sein, als ich in Wahrheit bin. Wir können gar nichts aufhalten. Weder das Alter noch das Älterwerden. Es zu tun käme dem Kampf mit Windmühlen gleich.

 Dennoch sind die Grenzen, zwischen Jung und Alt längst verschwommen. Aufgeweicht, in einem Mus aus Aufbegehren, wollen und müssen und einem ständigen Wettlauf gegen die Zeit. Selbst die, die eigentlich nicht wollen, passen sich irgendwann dem neuen Zeitgeist an und nehmen teil am Wettlauf gegen den eigenen Zerfall. Blaskapellen und moderige Seemannslieder waren gestern. Wer heute, im Alter,  mithalten möchte, hört Ramstein und Co, schlägt sein Zelt in Wacken auf und trägt die gleiche Kleidung, wie sein Enkel.  Der Mut es öffentlich mit der Welt zu teilen, wie unlängst geschehen, wird honoriert. Da darf man sich schon mal freuen plötzlich, als Gast in einer renommierten Talk-Show zu sein. Dass man mit dieser Aktion auch Millionen Instagram-Nutzer zu Freunden und Millionen Likes zu verzeichnen hat, ist dann wohl das Sahnehäubchen.

Ja, die Sache mit der eigenen Wahrnehmung ist eine Köngisdisziplin, die nicht jeder beherrscht. Natürlich ist von alldem nichts schlimm und erst recht nicht verwerflich. Dennoch glaube ich, birgt dieses  -  ewig jugendlich bleiben -  der alltägliche Kampf gegen natürliche Alterserscheinungen und das mit allen Mitteln, selbst dann, wenn diese ab und an fragwürdig erscheinen und das Streben nach einer fast künstlichen Attraktivität  seine Gefahren. Man verliert den eigentlichen Blick auf sich. Was ist mit dem Dazwischen? Einer guten Balance zwischen Älterwerden, Älter sein und dennoch auf bezaubernder und unverwechselbarer Weise jugendlich frisch wirken? Was, so frage ich mich, ist so dramatisch daran, wenn wir nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen und nicht gleich jedem Pfund zu viel auf der Waage den Kampf ansagen? Ist es wirklich so wichtig dünne Beine zu haben, einen knackigen Po, seidene Haut und auszusehen, wie Schneewittchen im gläsernen Sarg und, ist es wirklich verwerflich, wenn wir altersentsprechend aussehen und uns auch so geben?

Vor ein paar Tagen las ich in einer Zeitschrift, die sich ausschließlich an Menschen jenseits der vierzig richtet folgendes: << spüren Sie ihre Lebensfreude, Lachen Sie mal wieder so unbeschwert, wie zu Jugendtagen, trinken Sie einen Cuba – Libre, mit Freunden auf einer sonnendurchfluteten Terrasse, Reisen sie zu den Berghängen nach Peru oder liegen Sie faul an einem Strand unter karibischer Sonne und genießen Sie ihr Leben in vollen Zügen<< Was für ein Ratschlag?  Unter welchem Druck stehen wir da eigentlich, wenn uns überall suggeriert wird, dass Normalität falsch ist.

 Warum kann da nicht einfach stehen. <<  spüren Sie ihre Lebensfreude,  Lachen sie unbeschwert und trinken Sie einen Pott Kaffee auf ihrer Terrasse oder Balkon, gehen Sie um den nahegelegenen See und genießen Sie einfach ihr Leben, wo immer Sie sind, ohne sich zu fragen, bin ich noch jung, noch schön, nicht zu dick, nicht zu dünn und habe ich vielleicht doch schon zu viel Falten im Gesicht. Sehe ich wirklich noch jung aus und reiche ich den Ansprüchen dieser Welt noch? << Das wäre doch mal ein vernünftiger Aufruf, der auch umzusetzen geht und einem nicht suggeriert, das Normalität etwas ist, von dem wir uns bitteschön fernzuhalten haben. Ich glaube, es ist an der Zeit, sich alldem zu entziehen und einfach nicht mehr mitzumachen, beim Wettrennen einer nie enden vollenden Jugend, dem schlanker, schöner, begehrenswerter und dem allzeit bestehenden unvergänglichen Attraktivitäts- Wahn. Die Stirn bieten und zu etwas mehr Menschlichkeit auch im Umgang mit sich selbst zurückzukehren und somit dem eigenen Älterwerden und seinem Aussehen damit in gewisser Weise seine Würde wiedergeben.

<< Tanz das Leben<< steht als Werbeslogan an der Tür einer mir nahegelegenen Tanzschule. Und ja, vielleicht sollten wir alle zurückkehren zu einem leichten und beschwingten Dreivierteltakt und uns nicht länger mehr in Salsa und in Rock ‘n Roll – Schritten allzu sehr verlieren. Schon Anthony Quinn stellte einst fest<<. Auch mit sechzig kann man noch vierzig sein – aber nur noch eine halbe Stunde am Tag<<

In diesem Sinne

Herzlichst eure Lilo  

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