Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Normal ist out und was das über unsere Gesellschaft aussagt.

Fallschirmspringen, Bungee-Jumping und Paragliding sind bei Vergnügungssüchtigen schon längst alte Hüte und gelten schon lange nicht mehr als Extremsportart. Wer es heute abenteuerlich, gefährlich und so richtig extrem mag, begibt sich auf eine ganz neue Suche nach dem besonderen Kick. Möglichkeiten bieten sich da viele. Je nach Motivation, Lust oder Können, kann sich der Extremsportler heute maßgeschneiderte und waghalsige Aktionen hingeben. Da lacht das Herz und der Adrenalinspiegel schnellt in ungeahnte Höhen. Dem Sportler selbst sind so gut wie keine Grenzen gesetzt. Es sei dann seine eigene Kondition macht schlapp oder es verlässt ihn doch der Mut. Ehrlich gesagt, bin ich schon ziemlich erstaunt, welche Sportarten man heute in seiner Freizeit ausübt und das immer mit dem Wissen, dass das, was man tut, eigentlich lebensgefährlich ist. Wie zum Beispiel beim Flying Fox, was, wenn man es sich übersetzt sich doch eigentlich ganz harmlos anhört, letztendlich dann aber doch eher zu den gefährlichen Sportarten gehört. Über eine Schlucht wird hier ein Seil gespannt und gleich dem Ikarus schwebt man dann in atemberaubender Höhe durch die Lüfte. Wer es mag, kann sich beim Houserunner, einer Sportart, an der man an einem elastischen Seil so schnell wie möglich eine senkrechte Wand herunterläuft, den absoluten Spaß holen. Noch extremer geht es, wenn man anstatt zu laufen dann Skier verwendet. Das nennt man dann Vertical Skiing. Sucht man hingegen sein Vergnügen im Wasser bieten sich auch hier gleich mehrere Möglichkeiten. Zum einen wäre da das Hydrospeed. Ausgestattet mit Schwimmweste, Helm und einem Neoprenanzug, wer mag schon gerne im Wasser frieren, und einer Art Schwimmbrett vor der Brust schwimmt man in reißendes Gewässer hinunter. Hier gilt es Felsen auszuweichen, ohne sein Brett loszulassen. Für die nötige Luftzufuhr reicht es völlig, wenn man seinen Kopf ab und an aus dem Wasser hält. Tierischer Nervenkitzel hingegen bietet das Shark- Diving. Dabei begeben sich Spieler in einem Unterwasserkäfig unter die Haie. Wieso und weshalb? Diese Frage können nur diejenigen beantworten, die sich dieser Leidenschaft hingeben. Mir reicht es ehrlich gesagt, Haie im Fernsehen anzusehen oder, wenn überhaupt von einem Boot in sicherer Entfernung. Natürlich ist es auch möglich sich bei Tempo 180 gleich 50 Meter in die Höhe katapultieren zu lassen. Dazu muss man sich lediglich in eine Kugel begeben, die zwischen zwei Türmen an je einem Bunge-Seil hängt. Ein starker Magnet hält sie zunächst am Boden. Wird dieser entkräftet, ja dann steht einem ultimativen Schwindelgefühl nichts mehr im Wege. Für die Ungeübten ist bei Sky Seat unbedingt eine Spucktüte zu empfehlen.

Ja, in der Tat. Der Freude, der Lust und dem sportlichen Höhenflug ist jedes Extrem recht. Da wird geschwommen, gelaufen, geklettert, getaucht, gehängt und sich im freien Flug ein Felsen hinuntergestürzt, dass es demjenigen, dem schon das einfache Fallschirmspringen oder das Schwimmen bei höheren Wellen als wagemutig erscheint, ziemlich schwindelig wird. Völlig lau und langweilig erscheinen da selbstredend Sportarten, wie Walken, Joggen oder Tennis. Wer heute sportlich etwas auf sich hält, sucht die Gefahr und den gewissen Reiz.

Was aber treibt einen Menschen in den Abgrund bzw. dazu, sich in Extreme zu verlieren? Manche tun es zum Hobby. Zugegeben, oftmals ein sehr gefährliches und waghalsiges Hobby, das nicht selten zu schweren Verletzungen oder gar dem Tod führen kann. Manche verbinden damit eine Passion, eine Lebenseinstellung, die Nichtbeteiligte auf keinen Fall mit Kritik oder ängstlichen Argumenten begegnen darf. Einige haben aus ihrer Passion einen Beruf gemacht und riskieren Kopf und Kragen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die Frage, was all diesen Menschen fehlt, ist berechtigt und legitim. Warum suchen Sie den Thrill- das extreme Erlebnis? Einen wirklichen gesellschaftlichen Nutzen kann man nicht finden. Es muss also etwas anderes sein, was diese Menschen dazu treibt, sich in Gefahr zu begeben. Das Alte, das Normale, das für sie absolut Biedere reicht diesen Menschen nicht mehr aus. Um das Leben zu spüren, benötigen Extremsportler immer mehr Nervenkitzel.

 Die FAZ schreibt dazu, dass es Eigenliebe, wenn nicht sogar Narzissmus ist, der sie treibt. Selbstbezogen, allem Normalen abgewandt und fern der sozialen Realität, erlebt der Extremsportler sein Tun als Sehnsucht nach grenzenloser Freiheit. Das Streben nach Glück, nach immer höheren Erfolgen ist seine einzige Motivation. In dem, was er tut, in der Suche nach noch mehr Extremen erhält er das Futter für seine gequälte Seele. Im Prinzip kann man behaupten, ein Extremsportler ist ein Süchtiger. Süchtig, nach dem einen ganz besonderen Adrenalinkick. Die Endorphine, das hohe Ausscheiden an Glückshormonen, macht sein Leben erst lebenswert. Dafür nimmt er hohe Risiken in Kauf.

 Ist das so?  Ich glaube, Extremsportler hängen ebenso an ihrem Leben, wie jeder andere auch. Sie sind weder Lebensmüde noch ihrem Leben überdrüssig. Dennoch zeichnet sie , anders, als bei denen, die das Risiko scheuen, etwas gemeinsam aus, nämlich die Bereitschaft für ihre sportliche Leidenschaft nicht nur ein hohes Risiko einzugehen, sondern das Glück zu jeder Zeit auf ganz besonderer Weise herauszufordern. 

Das muss man nicht verstehen und schon gar nicht als Maßstab für ein besseres und glücklicheres Leben nehmen. Normalität, um bei diesem Ausdruck zu bleiben, muss nicht unbedingt langweilig und bieder sein. Extremsportler glauben nur, dass das Normale  langweilig und bieder ist. Nicht die Zuschauer, die Familie ,die Freunde, die ihn womöglich bewundert für das, was er als Hobby betreibt oder eine atemberaubende Inszenierung wegen tut ein Extremsportler das, was er glaubt, tun zu müssen, sondern, er fliegt, segelt, taucht und springt , um seiner  Befriedigung willen. Die Suche nach immer neuen Extremen verschafft ihm inneren Frieden und maximalen Lustgewinn.

Bislang ist es nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der sich Extremsportarten hingibt. Aber wie lange noch? Schon längst leben wir in einer Gesellschaft, in der alte Werte, alte Ansichten und das Normale abwertend betrachtet werden. Das mediale Angebot nimmt tagtäglich zu. Eine Challenge jagt die andere und viele, die davon auf sozialen Medien lesen scheuen nicht mehr davor zurück, mitzumachen. Nicht aus Überzeugung, sondern oftmals, aus dem Gefühl heraus dazugehören zu wollen, mitzumachen um jeden Preis, mitreden zu können und ein Teil eines großen Ganzen zu sein. Man nehme nur mal einige Fernsehprofile, wie Big Brother oder das Dschungelcamp. Hier zeigt sich im Prinzip schon ein menschlicher Abgrund. Völlig sicher und ungeniert beobachten wir als Voyeur, wie sich andere für ein paar Dollar mehr oder weniger oder einem höherem Bekanntheitsgrad,  in Gefahr begeben, schauen zu, wie Heuschrecken, Ratten oder andere unliebsame Tiere über nackte Körper krabbeln und johlen und kreischen darüber, wenn sich ein Sternchen oder längst vergessener Star mit Jauche übergießen lässt. Es selbst zu tun oder Extremsportarten zu praktizieren davon hält die meisten unter uns noch sein innerer Schweinehund ab. In einem wirklich gut funktionierendem Sozialsystem käme kein normal Denkender auf die Idee sich an einem Gummiseil in die Tiefe zu stürzen oder sich mit anderen Menschen in einen Container einsperren zu lassen, nur um zu sehen, wie lange man in Gefangenschaft leben kann. Niemand würde sich auch freiwillig in einen Unterwasserkäfig begeben, um dort so lange auszuharren, bis einem womöglich vor Kälte die Füße abfrieren oder Schwimmflossen gewachsen sind. Je mehr Menschen sich Extremen hingeben, desto größer ist die Frage, wie gut funktioniert noch unser gesellschaftliches System?

Natürlich denkt darüber niemand nach, der Sendungen wie Big Brother oder Dschungelcamp schaut und ebenso wird sich ein Extremsportler nicht diese Frage stellen, wenn er seiner Leidenschaft nachgeht. Ich bin sogar davon überzeugt, dass kein Zuschauer, der stundenlang ausharrt, um seinem sportlichen Idol dabei zuzusehen, wie er seinen Hals und sein Leben bei waghalsigen Manövern riskiert, sich in letzter Konsequenz darüber klar ist, dass irgendetwas in unserer Gesellschaft fehl läuft. Wenigstens hier scheinen Sportler und Zuschauer auf dem gleichen Level zu sein. Beiden geht es um Befriedigung und Lust.

 Das Normale weicht zunehmend einer höheren Risikobereitschaft. Es mag utopisch klingen und dennoch könnte es durchaus sein, dass schon in zehn oder zwanzig Jahren, Menschen, die heute noch davor scheuen sich gewissen Risiken auszusetzen dann von einer Mehrheit belächelt wird. Schon längst ist es in einigen Foren oder bei Social Media besser, man sagt nicht explizit, was man darüber denkt. Man läuft sonst Gefahr angefeindet und beleidigt zu werden und sich sagen zu lassen, dass man ein risikoarmes und biederes und damit langweiliges Leben lebt. Mag sein, dass meine Wortwahl, als ich unter einem Artikel, des National Geogrphic schrieb, dass die Extremsportler, an ihrem viel zu frühen Tod eine Mitschuld tragen, einige brüskiert hat. Aber letztendlich sehe ich es so! Niemand wird unter Androhung von Gewalt gezwungen sich  extremen Sportarten hinzugeben. Derjenige, der das tut, tut dies völlig freiwillig und immer mit dem Wissen, dass es womöglich trotz aller Vorsicht und Umsicht zu einer nicht mehr veränderlichen Konsequenz führen kann. Extremsportler nehmen ihren eigenen Tod in Kauf für ein Gefühl, dass ich selbst unter allen Aspekten nicht in seiner Gänze verstehen kann. Ich will es auch gar nicht verstehen, weil für mich das Leben etwas Wunderbares ist, das es gilt unter allen Umständen zu schützen. Dabei bin ich gar nicht mal ein sehr gläubiger Mensch. Dennoch sehe ich es so und es freiwillig für den besonderen Kick, einem rasch verflüchtigendem Gefühl von Freiheit und Grenzenlosigkeit aufs Spiel zu setzen halte ich mit Verlaub dem eigenen Leben gegenüber für achtlos und respektlos. Meine Ansicht mag nicht jedem gefallen. Aber mir gefällt auch nicht alles, was andere sagen oder behaupten und dennoch akzeptiere ich deren Meinung und beginne nicht damit ihr Leben und ihre Lebensform infrage zu stellen oder sie auf niedrigem Niveau zu beleidigen. Jeder darf nach seiner Fasson glücklich und zufrieden werden. Denn bei allem Respekt sollte man nicht vergessen, dass nicht verstehen niemals gleichbedeutend ist, mit nicht respektieren. Selbstredend respektiere ich deren Lebensform und auch deren Leidenschaft. Aber ebenso, wie ich es respektiere, erwarte ich Respekt meiner Lebensform gegenüber. Ich sage bewusst nicht tolerieren. Die Toleranz beinhaltet auf keinen Fall Akzeptanz. Wer nur toleriert wird immer versuchen mit Argumenten andere von seiner Meinung zu überzeugen.

In den Tagen nach dieser Diskussion suchte ich zunächst primär die Schuld in meinem, ich gebe zu, vielleicht etwas unbedachteren Ausdruck der eigenen Schuld. Was jedoch wirklich dahinter steckt, ist die Tatsache, dass Normal sein heute völlig out ist. Nicht darüber, ob ein Leben bieder ist, nur weil man kein Extremsport ausübt oder für deren Ausübung wenig Verständnis aufbringen kann und will, sollten wir uns Gedanken machen, sondern darüber, was es ist, dass unsere Gesellschaft so rasant negativ verändert hat? Wieso ist es mittlerweile normal, dass Egozentrismus und Genusssucht stetig zunimmt und die Menschen heute sich dem gesellschaftlichen Phänomen willig und billigend hingeben? Sich darüber aufregen, wenn Andere anderer Meinung sind und ihr „ Normalsein“ als weniger lebenswert betrachtet, kann und darf nicht der richtige Weg sein!

 Es gibt so viele Fragen, die wir uns wirklich stellen sollten und über die wir nachdenken müssten. Welchen, Stellenwert haben noch unsere Kinder und damit Familien? Wieso, gibt es immer mehr Singles? Geht es uns gut?  Sehen wir nur noch uns selbst, also sind wir ein Volk von lauter Egoisten? Und selbst die Frage, welche Werte wir als Gesellschaft noch transportieren ist wesentlich relevanter, als die Frage danach, was als Normal oder unnormal gilt und, ob ich als Risiko ärmerer und biederer Mensch wirklich weniger Spaß am Leben habe?

Vielleicht sollten wir einfach dahin zurückkehren, dass das Normale völlig ausreichend für ein erfülltes Leben sein kann und dass das Leben in all seinen Facetten für den einen oder anderen schon Abenteuer genug ist. Eine Gesellschaft wird nicht dadurch besser, dass sie ihr Streben nach höher, schneller und weiter perfektioniert, sondern allein durch gegenseitige Akzeptanz, Achtung vor dem anders sein  und einem kollektiven Zusammenhalt.

In diesem Sinne

Herzlichst eure Lilo.  

  

 

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