Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Sich einfach neu orientieren oder doch orientierungslos bleiben?

 

Ich heule. Nicht vor Schmerzen oder Zorn, sondern, aus einem Grund, der eigentlich gar kein Grund ist und mich dennoch maßlos wütend und gleichzeitig hilflos macht. Kurz um, ich fühle mich politisch verwaist. Nein! Nicht erst seit gestern. Dieses Gefühl schleppe ich schon seit Jahren mit mir herum, dass es mir beinah zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden ist. Aber so ist es. Da kann ich mich drehen und wenden so viel ich will. In unserer politischen Landschaft finde ich keine Heimat mehr. Und das mir, die aus einer Generation stammt, die einmal ganz genau wusste, wofür sie steht und ein großes politisches Erbe vor sich hertrug.

Vor Kurzem las ich einen Artikel, der von Rechtspopulismus nur so strotzte. Mir wurde erst übel und dann plötzlich spürte ich einen Zorn, der mich beinah beben ließ. Meine Nackenhaare standen senkrecht und während ich diesen Bericht las, dachte ich, die ganze Zeit << das darf doch nicht wahr sein, das hatten wir alles schon einmal<<!

Wer,  wie ich in den späten Fünfzigern oder frühen Sechzigern geboren wurde, weiß, um was es ging. Die meisten von uns, wurden noch von Eltern und Großeltern erzogen, die die Schrecken des Zweiten Weltkrieges hautnah miterlebt hatten. Keine Erzählungen aus zweiter oder dritter Hand. Mein Vater war noch Soldat und stand 1944,  mit siebzehn Jahren, an der Flak. Meine Mutter, zur gleichen Zeit Erntehelferin, musste 1944, mit ebenfalls siebzehn Jahren erfahren, was es bedeutet,  den Liebsten im Krieg zu verlieren. Ohne Frage, es waren barbarische Zeiten. Die Angst, die Bomben Nächte und ein Krieg hinterlassen, konnten wir noch als Kinder miterleben, wenn meine Mutter sich bei Donner und Gewitter unter dem Tisch versteckte und mein Vater auf Fragen beharrlich schwieg und dennoch dabei so traurig aussah, dass es einen selbst zu Tränen rührte.  

Natürlich waren wir sensibilisiert und vor allen Dingen politisch interessiert. Das Erbe, das unsere Eltern und Großeltern mit sich herumschleppten übertrug sich automatisch auch auf uns. Und das war gut so! Vom Wiederaufbau und den fetten Fünfziger Jahren erfuhren wir sozusagen aus erster Hand. Wir erlebten als heranwachsende den kalten Krieg und welche Gräben sich im Laufe der Jahre aufgetan hatten. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich 1977, als sechzehnjährige, vor dem Fernseher saß und, die schrecklichen Taten, der RAF und der IRA entsetzt verfolgte.  

Unsere Leithammel waren zweifelsohne charismatische Vollblutpolitiker. Keiner hat uns so sehr geprägt, wie Brand und Schmidt und es gehörte schon beinahe zum Pflichtprogramm, eines jeden Jugendlichen , sich mit Parka, Arafat Tuch und weißer Taube, auf einer der vielen Demonstrationen , Ende der siebziger und  Anfang der achtziger , blicken zu lassen. Wir kämpften gegen die Ungerechtigkeit der Welt, für den Frieden, für den Abbau aller Raketen und für eine bessere Welt, in der alle Völker, egal, welcher Hautfarbe oder Nationalität, miteinander friedvoll leben können. Unsere geflügelten Sätze lauteten:

<< Stell dir mal vor es ist Krieg und keiner geht hin>> oder << AKW Nein Danke! >>

Ja! Wir standen für etwas, was heute anscheinend nicht mehr En Vogue ist. Geholfen haben uns nicht zuletzt unsere Erziehung, sondern auch, die klaren und eindeutigen Statements der verschiedenen Parteien. Wir wussten, dass Versprechen auch irgendwie eingehalten wurden. Aber vor allen Dingen konnten wir uns politisch orientieren. Nichts war schwammig und die Grenzen, zwischen den einzelnen Parteien, waren klar und begrenzt. Es gab eine Mitte, das linke Feld und das christlich rechte. OK. In den Achtzigern kamen dann noch die Grünen, die uns damals vorkamen, wie eine neue Offenbarung und der Heiland zugleich. Mit ihnen sind wir auf zu neuen Ufern.

Politisch gesehen war es eine herrliche Zeit. Und bei einem Glas Hannen Alt und einem Croque Monsieur oder Madam, konnten wir nächtelang über alles und nichts diskutieren.

Klar, gab es auch Widersprüche und manchmal fühlten auch wir uns nicht minder veräppelt als heute. Aber dennoch hatte jeder von uns seine politische Ansicht, die akzeptiert und respektiert wurde. Wir, das Volk, um mal eine der heutzutage leider allzu oft fälschlich benutzten Phrasen zu verwenden, wussten, wohin es gehen sollte. Rechtspopulismus hatte keine Chance.

Natürlich waren wir nicht immer einverstanden mit dem, was die da oben taten. Und es gab auch damals Situationen, die uns in Angst und Schrecken versetzt haben. Aber dennoch, irgendwie hatten wir nie den Glauben daran verloren, dass sich alles zum Guten wendet und wir einer friedvollen Zeit entgegensehen.

So richtig politisch enttäuscht wurde ich eigentlich nie. Doch einmal, als die FDP sich benahm wie Brutus und meinem Leithammel den tödlichen Messerstich versetzte. Aber das sei nur nebenbei erwähnt. Wie auch immer. Irgendwo gab es immer einen Politiker, dem wir Glauben schenken konnten, den wir vielleicht auch manchmal zu Unrecht glorifiziert haben und der für eine bessere, aber vor allen Dingen sichere Zukunft stand.

Und heute? Ich finde mich einfach nicht mehr zurecht! Unter all den Parteien gibt es keine, der ich wirklich mein Herz und Verstand schenken möchte. Die meisten Politiker stehen nicht mehr für eine Sache oder dienen wirklich uns, dem Volk, sondern sind mittlerweile egozentrische und selbstverliebte Individuen. Jeder kocht sein eigenes Süppchen und sieht zu, dass es ihm gut geht. Das Große und Ganze sehen die wenigstens noch und Versprechen werden schon lange nicht mehr gehalten.

Anstatt ein Miteinander gibt es nur noch ein Gegeneinander. Kein Wunder, dass sich rechtspopulistische Parteien, wie die AFD, nähren konnte und sich erneut in einem Land, das es von seiner Geschichte eigentlich besser wissen müsste, etablieren kann. Ein Umstand, der mich entsetzt und sprachlos macht.

Neulich las ich einen Aufruf der Linken. Für einen kurzen Moment war ich gewillt mich dieser Partei anzuschließen und dann hielt ich plötzlich inne und dachte mir, entspricht das wirklich allumfassend meiner persönlichen politischen Ansicht?

Nein! In vielem gebe ich den Linken recht und dennoch in letzter Konsequenz sind sie mir in einigen Dingen viel zu links und radikal. Der SPD, der ich für Jahrzehnte die Stange gehalten habe, ist für mein Empfinden, mittlerweile so undurchsichtig und schwammig geworden, dass mir beinahe übel wird. Die christlichen Demokraten schwenken seit geraumer Zeit zwischen einer bürgerlichen rechten Mitte und einer extrem gefährlichen rechten Ecke. Und ja, auch das macht mir Sorgen. Der FDP habe ich ihren Brutus-Stoß nie verziehen und letztendlich hängt sie ihr Fähnchen immer noch in die Richtung aus der sie sich am meisten erhofft. Und mal ganz abgesehen davon. Von ihrer One Man Show  kann einem ganz anders werden. Und was ist mit den Grünen, der ich als junger Mensch mein ganzes Seelenheil überlassen habe? Nichts, wenn man es genau nimmt. Aus ihnen ist ebenso mit den Jahren eine Partei geworden, die sich lieber selbst zerfleischt, als zu handeln. Sie haben sich schon längst in dem doch eigentlich ungeliebten Establishment wunderbar integriert. Friedenstauben und eine dimensionale grüne Flagge zeigt dort schon lange keiner mehr. Die Zeiten, wo sie strickend und mit Turnschuhen und neuen bahnbrechenden Ideen im Parlament saßen, sind längst vorbei. Gut, nach wie vor stehen sie für eine saubere Umwelt. Aber hinsichtlich der herannahenden Klimakatastrophe scheinen sie ihre eigenen Thesen ja nicht mehr so sicher und zielstrebig zu verfolgen. Was bleibt ist eine rechtspopulistische Partei, bei deren Name mir schon ganz anders wird und die ich lieber heute als morgen von unserem politischen Boden verschwinden sehen möchte.

Mein Dilemma ist also da und ich weiß ehrlich nicht, wie ich ihm begegnen soll, ohne den Mut zu verlieren? Aber alles laufen lassen und nicht nachdenken und oder Handeln, ist auch keine Lösung. Denn, so stellte Helmut Schmidt, der Mann, dem ich im Grunde mein politisches Verständnis zu verdanken habe schon 2005 fest: Das gegenwärtige zur Verfügung stehende Personal ist nicht sonderlich geeignet, gemeinsam zu regieren, weil beide Seiten nicht ausreichend wissen, was sie eigentlich wollen. Und, weil er damals wie heute recht hat, weine ich einfach ein wenig, ob meiner Desorientierung und schere mich einen Dreck darum, ob andere dadurch peinlich berührt sind. Ich dagegen fühle mich verwaist und ich glaube, dass alleine reicht, um manche Träne vergießen zu dürfen.

In diesem Sinne

Herzlichst eure Lilo. 

  

 

 

 

 

     

   

 

 

 

  

 

 

      

  

Email