Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Unsicher sein ist absolut in Ordnung! Oder, wie steht es mit ihren Sprachkenntnissen?

 

Die Ex- Ehefrau meines Cousins aus Canada hat mir geschrieben. Nun, das klingt in erster Linie überhaupt nicht spektakulär oder spannend. Und doch ist es für mich eine absolute spannende Angelegenheit. Zum einen deshalb, weil ich bisher nichts von ihr gewusst habe und auch zu meinem Cousin eher keinen Kontakt hatte. Zum anderen deshalb, weil Cathlyeen,  bis auf ein paar Vokabeln, die Sie irgendwann vor über dreißig Jahren von ihrem Mann, in Deutsch gelernt hat, keine weiteren Fähigkeiten besitzt ,um mit mir in meiner Muttersprache zu kommunizieren. Wenn wir also etwas voneinander und übereinander in Erfahrung bringen wollen, müssen wir uns der englischen Sprache bedienen. Was an sich  kein großes Problem mehr da stellen sollte, in unserer so globalisierten Welt. Und dennoch gehöre ich  anscheinend zu den wenigen Menschen, die sich mit einer Fremdsprache nach wie vor schwertun und weder in Englisch denken noch fühlen. Natürlich habe ich irgendwann, also vor gefühlt einer halben Ewigkeit, in der Schule Englischunterricht gehabt. Aber anders, als heute, wurde uns Schülern damals die Fremdsprache ganz anders beigebracht. Es galt nicht uns für die alltäglichen Unterhaltungen fit zu machen und umgangssprachlich in der Lage zu sein, sich mit anderen in dieser Sprache unterhalten zu können, sondern , vielmehr so viel Vokabeln wie nur möglich in unsere grauen Gehirnzellen aufzunehmen und sich einigermaßen verständlich zu machen.  Für die heutigen Ansprüche natürlich viel zu wenig. Spricht man heute nicht fließend, wird man ja schon beinah mitleidig angesehen und gilt als wenig intelligent.

Also ehrlich, ich halte mich für ziemlich intelligent. Dennoch fällt es mir schwer, mich in einer anderen Sprache, als die, die ich von Geburt an erlernt habe, in allen Bereichen, auch die tief emotionalen, richtig gut ausdrücken zu können.  Wenn ich ihr oder meiner Cousine in Vancouver schreibe, zu der ich seit über zwanzig Jahren mehr oder weniger regelmäßigen bis unregelmäßigen Kontakt pflege, dann brauch ich Zeit und auf alle Fälle mein dickes Englisch- Wörterbuch vor meiner Nase. Bloß nicht auf das Übersetzungsprogramm verlassen. Glauben Sie mir, da sind sie verlassener als vorher. Natürlich kann ich Englisch. Aber eben halt nicht so, dass ich mich locker flockig und leicht und schon gar nicht perfekt, mit jemanden unterhalten könnte. Vielleicht könnte ich es, wenn nicht ewig meine Unsicherheit mir ein Bein stellen würde. Ich bin nämlich, was diese Sache betrifft, dermaßen verunsichert, weil halt so viele so perfekt sprechen und es beinahe erscheint, als wäre man eine Person vom anderen Stern, wenn man nicht ebenso diese fremde Sprache beherrscht. Fehler machen ist menschlich. Aber mal ehrlich, wer mag schon gerne bewusst Fehler machen und sich womöglich einer vielleicht peinlichen Situation aussetzen?

 Neulich habe ich einen Videocall verpasst! War ich traurig darüber? Nein!. Im Gegenteil sogar, ich war irgendwie froh, dass ich nicht am Computer gesessen hab und mit flatternden Nerven überlegen musste, diesen Anruf entgegenzunehmen oder nicht. Die Vorstellung jemanden, ob nun real oder per Video gegenüber zu sitzen und mich mit ihm in einer Sprache, die ich nur mittelmäßig beherrsche, unterhalten zu müssen, kommt einer Horrorvorstellung gleich. Ja, da dürfen Sie gerne drüber lächeln. Ich tue es ja auch, spätestens dann, wenn ich mich vom ersten Schock erholt habe. Ob es mit ärgert? Und ob, ärgert es mich! Es ist ja nicht so, dass ich nicht wollen würde. Ich kann ja Englisch.  Es hapert nur an ausreichendem Selbstbewusstsein es anzuwenden und an möglichen Situationen, in denen ich überhaupt englisch sprechen kann. Also meide ich lieber solche Situationen, wie der Teufel das Weihwasser.

Überhaupt gehöre ich zu denjenigen, die darauf bedacht sind, Situationen, in denen ich eher mit Unsicherheit glänze, als mit allem anderen, zu vermeiden. Ständig ist da nämlich eine Stimme im Hinterkopf, die sagt: << das müsste aber besser klappen>> Das gilt für meine Sprachkenntnisse ebenso , wie für alle anderen Bereiche. Ja. Unsicherheiten können verdammt nerven und lästig sein. Ach, was gäbe ich manchmal dafür so verdammt perfekt zu sein, wie andere. Dabei hab ich gerade vor ein paar Tagen gelesen, dass es eher die Selbstsicheren, Unerschütterlichen und von sich überzeugten Menschen sind, die andere ängstigen.  Wer an sich zweifelt kann verschiedenen Perspektiven einnehmen und sich in die Sichtweise anderer einfühlen. Die Ex- Frau meines Cousins und meine Cousine können das.  Ich meine, sich einfühlen und nachempfinden. Wenn, ich ihr oder meiner Cousine schreibe kommt nie auch nur eine einzige böse Kritik. Sie freuen sich über jeden Satz, den ich grammatikalisch korrekt hinbekomme. Nur telefonieren das mag ich nicht.  Sie wissen schon, wegen des fehlenden Bodens! Ich weiß nämlich, dass ich vor lauter Unsicherheit, nicht augenblicklich und sofort alles perfekt zu verstehen und die richtigen Vokabeln zu finden, anfangen würde zu stammeln, zu stottern und am Ende nicht mal mehr den einfachsten Satz hinbekommen würde. Logisch, dass ich es ihnen und mir ersparen möchte.

Ja, die Sache mit der Unsicherheit hat schon so seine Tücken. Jeder von uns kennt Situationen, wo man mehr oder weniger unsicher ist.  Ob es nun darum geht, plötzlich einem Fremden in Englisch den Weg, wohin auch immer, erklären zu müssen, anderen komplizierte Zusammenhänger zu erklären oder, sich vor andern hinzustellen und über etwas zu referieren. Unsicherheiten führen dazu, dass man Dinge, die man eigentlich beherrscht, dennoch weit weniger gut hinbekommt und somit anderen ein Bild von sich zeigt, dass so eigentlich gar nicht stimmt. Wenn man etwas nicht hundertprozentig kann oder nur halbwegs, passierte es leicht, dass man ins Schwimmen kommt und vor lauter Hemmungen nichts wirklich Gutes zustande bekommt. Dabei ist es menschlich, eben nicht immer genau zu wissen, was man kann und ob das, was man kann ausreichend ist. Selbst in Bezug auf den eigenen Wert: ob man als Menschen so, wie man ist, in Ordnung ist, wird auch von vielen Unsicherheiten begleitet. Um jedoch zu wissen, wie weit die Kenntnisse reichen, und ob man gewisse Dinge wirklich kann, muss man es ausprobieren. Nur wie, wenn die eigene Unsicherheit einem Grenzen setzt? Ist es nicht eher so, dass man viel zu rasch mit sich und andern die Geduld verliert, wenn mal etwas nichts so klappt, wie es eigentlich soll? Ich für meinen Teil bin mir gegenüber absolut ungeduldig und hasse Unsicherheit, wie die berühmte Pest. Meine Unsicherheit in Bezug auf englische Sprachkenntnisse führt so weit, dass ich mich ständig dafür entschuldige, eben nicht perfekt Englisch zu reden und zu schreiben und mich damit mehr oder weniger selber in eine Ecke dränge, wo ich eigentlich gar nicht hingehöre, weil ich unterm Strich diese fremde Sprache gar nicht mal so miserabel  spreche.

 Vor ein paar Monaten  war ich auf einer Feier. Auch nichts Besonderes oder Aufregendes. Und dennoch passierte genau das, was ich eigentlich versuche zu vermeiden.  Einer der Gäste war Engländer. Es ist nicht so, dass dieser Mensch erst seit Kurzem hier in Deutschland lebt. Um genau zu sein, lebt er mittlerweile seit zwanzig Jahren hier und dennoch spricht er so gut wie kein Deutsch. Und warum nicht? Nun, weil halt jeder, der sich auch nur im Dunstkreis dieser Person aufhält nichts Besseres zu tun hat, als mit seinen perfekten oder halb perfekten Sprachkenntnissen zu glänzen. Anstatt zu sagen: << hey Du, wir leben in Deutschland, sprich deutsch>> quatscht jeder los und versucht sich in deren Muttersprache. Ob ich das löblich finde? Nein, ehrlich, ich empfinde es eher als lästig, weil es nämlich diejenigen, die hier unsicher sind und sich halt nicht so trauen nach Außen drängen.  Etwas gut zu können reicht heute nicht mehr. Es ist bestenfalls mittelmäßig. Und, wer will schon in aller Öffentlichkeit zeigen eben nur mittelmäßig zu sein? Während sich also alle anderen,  mit ihm angeregt über Gott und die Welt unterhielten, saß ich da und dachte,  die ganze Zeit: << hoffentlich geht der Kelch an mir vorüber>>Und dann stand er plötzlich vor mir, und redete drauf los. Ich war so perplex, dass ich im ersten Moment gar nicht wusste, was ich antworten sollte. Wie ein Ochs vorm Berg stand ich da und suchte akribisch in meinen rechten, linken, oberen und unteren Gehirnwänden nach korrekten Formulierungen und fühlte mich dabei so wahnsinnig unwohl und unsicher. Um eine Sprache zu beherrschen, musst du darin denken, sagte mir neulich eine Bekannte, die so perfekt spricht, als wäre sie in England aufgewachsen. Ja, so würde sogar hin und wieder in Englisch träumen. Fein, ich träume ausschließlich in meiner Muttersprache und eigentlich rede ich sie auch sehr gerne, weil ich mit ihr denke, fühle und auch die kompliziertesten Dinge anderen ohne Scheu erklären kann.  Irgendwann hab ich dann auf Deutsch geantwortet und siehe da, er verstand mich. Und plötzlich begann er sich bei mir zu entschuldigen. Er wäre so verdammt unsicher und würde gerne viel öfter Deutsch reden. Aber leider würden sich immer alle sofort mit ihm in seiner Muttersprache unterhalten. Es tat gut zu wissen, dass mein Gegenüber ebenso unsicher war, wie ich. Übrigens hatten wir zwei noch viel Spaß zusammen. Er radebrechend in Deutsch und ich mit meinen ausreichenden Kenntnissen. Gut, die Probleme der Welt haben wir beflissentlich ausgeklammert. Es gab genügend Anderes, worüber wir uns unterhalten konnten.

Dass viele allerdings Unsicherheiten als typisch weiblich bezeichnen, halte ich für absolut falsch. Auch Männer sind unsicher. Haben allerdings den entscheidenden Vorteil, dass man es ihnen oft nicht ansieht, oder abnimmt, weil Männer halt immer noch, auch in unserer modernen Gesellschaft für wesentlich kompetenter angesehen werden. Das verhilft ihnen oftmals mit ihrer eigenen Unsicherheit sicherer umgehen zu können. Mein Engländer wirkte in seiner Unsicherheit auch viel kompetenter als ich und lächelte einfach seine fehlenden Sprachkenntnisse weg. Übrigens kurz bevor ich, nach einem wirklich gelungenen Abend und trotz aufkommender Unsicherheit,  nach Hause gehen wollte sprach mich doch ein Gast schräg von der Seite an. Leicht herablassend, so als hätte ich etwas Sträfliches getan und damit jeden anwesenden in Misskredit gebracht  meinte er mir einen guten Ratschlag mit auf den Weg geben zu müssen.>> ach, ich dachte du würdest Englisch sprechen? Na ja, kannst ja mal einen Kursus machen, die werden doch überall angeboten! <<.

Ja könnte ich und dann? Mit wem soll ich reden? Mit meiner Katze, mit den Nachbarn oder auf eine neue Gelegenheit warten, mit dem Engländer über Gott und die Welt zu reden?

Neulich hab ich in einem Buch folgendes gelesen:

Vielleicht sollten wir uns von dem Aberglauben lossagen alles verstehen zu müssen und uns zu der Einsicht bekehren im Höchstfalle imstande zu sein mit unserem Unverständnis verständnisvoll umgehen zu können.

Wie ich finde ein sehr schöner und kluger Satz. Und ehrlich, würde ich mir wünschen,  dass manche mit Unsicherheiten, egal , wo immer sie auch zu finden sind, wertfrei, verständnisvoll, tolerant und ohne Lehrmeisterhaft zu sein,  umgehen könnten- dann wäre schon viel getan. 

Denkt immer daran: Nobody is pefect.

In diesem Sinne

Herzlichst eure Lilo

 

 

 

 

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