Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Vom Kalorienzählen, Gesundheitsgurus und westlichem Jammertal…………. 


Neulich waren mein Schatz und ich  mal wieder zu einer Veranstaltung.

Gut gelaunt und im feinen Zwirn ging es auf die Piste.  Es war schön alte Freunde und Bekannte wiederzusehen und nach den obligatorischen Bussi rechts und Bussi links ging es auch schon ab ins Vergnügen. Hier und da trafen wir auf Gäste, die wir noch nicht kannten und taten das was man üblicherweise immer tut -  wir hielten Small Talk. Mein erster Durst war gelöscht. Mein Schatz weiß halt was ich mag und brachte mir gleich in den ersten zehn Minuten einen gut gekühlten Sekt. Er selbst trank wie immer seine Apfelschorle und eigentlich war alles wunderprächtig. So kurz vor 21 Uhr klopfte auch unser Magen vorsichtig an unsere Bauchdecke und kündigte an, dass er nicht länger gewillt war zu warten.  Wir also los in Richtung Buffet.  Nichts ahnend was und dort erwarten würde.


Ungeniert tummelten sich Veganer, Vegetarier, Kohlenhydrat- und Eiweißverweigerer, Ananas-Fetischisten, Ayurveda-Gurus und denjenigen, die aus Überzeugung nach  20 Uhr generell kein Obst oder Käse mehr essen, neben Möchtegerngesundheitsaposteln, Dauerjoggingmeister und Allesbesserwisser, die einem bei jedem Bissen ungefragt mögliche Nebenwirkungen mitteilen während sie an der  mitgebrachten Möhre knabbern und mehr oder weniger ungefragt  und nicht gerade leise die dargebotenen Speisen kommentieren.

Dem einen war es  zu viel Eiweißreiche Kost, dem anderen zu viel Kohlenhydrate beigefügt und noch einem anderen war es schlicht und ergreifend zu fleischig.  

In welcher verrückten Welt leben wir nur, fragte ich mich.

Anstatt sich darüber zu freuen, dass wir in der westlichen Welt von  allem an Überfluss haben, wird jede Servierplatte akribisch auf Vor- und Nachteile abgeklopft. Ungeniert wird mit Löffeln und Gabeln das zur Seite geschoben was man subjektiv gerade mal nicht mehr mag, isst oder generell verpönt und dann als ob das nicht genug wäre noch anderen ungeniert auf den Teller geguckt.  


Selbstredend, es ist gut auf seine Ernährung und Gesundheit zu achten. Aber was zu viel ist, ist zu viel. 

 Ich war gerade dabei mir neben mein Rinderfiletstück noch ein kleine Hühnerbrust zu legen, als mich von rechts jemand ansprach

> Sie wissen aber schon, das Fleisch nicht gesund ist? >

am liebsten hätte ich geantwortet

> Und bitteschön, was geht Sie das an? >.

hab es dann aber doch unterlassen und antworte dank meiner Kinderstube mit einem freundlichen:

< Ja. Ich weiß, aber heute ist mal eine  Ausnahme. >

<Ja, Ja die berühmte Ausnahme< konterte er mit bildlich erhobenen Zeigefinger und zog samt seinem vegetarischen Teller von dann.

 Was für ein Idiot dachte ich und schaute dennoch leicht pikiert und etwas beschämt auf meinen Teller. Mein Hunger auf Hähnchen war wie weggeblasen. Stattdessen griff ich zu den eingemachten Möhren und den Auberginen-Spießen und suchte mir einen freien Platz. Mein Mann stand noch immer am Buffet und unterhielt sich mit einer sehr schlanken Dame mittleren Alters. Hin und wieder schaute er in meine Richtung und hob wie zur Entschuldigung seine Schultern nach oben.  Höchstwahrscheinlich war Sie der weibliche Pedant zu meinem schrägen Herrn.


Fünf Minuten später stand  besagte Dame neben mir am Tisch.  Ich sah kurz auf ihren Teller und wusste warum mein Mann mit seinen Schultern gezuckt hatte. Also noch so ein kulinarischer Traumtänzer. Ich fragte mich kurz, ob mein Mann mit mir noch eine Rechnung offen  und Sie  absichtlich zu mir geschickt hatte oder ob es reiner Zufall war. Wie auch immer. Versonnen knabbert Sie an ihrem Tomate- Mozzarella –Spieß und nippt vorsichtig, als würde es sich um vergiftetes Wasser handeln an ihrem Glas während ich herzhaft mein Rinderfilet schnitt.   

>Früher hab ich auch alles gegessen. Heute nicht mehr. Und ich fühle mich einfach fantastisch>

höre ich Sie plötzlich sagen und  kann mich beim  besten Willen nicht daran erinnern sie darum gebeten zu haben mir ihre Gesundheitslebensweisheiten  zu erzählen. Sie tut es aber trotzdem. Ich nicke  und kommentiere  ihre Weisheiten mit einem gelegentlichen > ach ja, wie interessant>  und stelle allmählich fest, dass mein  Appetit sich klammheimlich durch ein meter hohes schlechtes Gewissen ersetzt hat. Und als ob das  noch nicht reichen würde gesellten sich noch zwei weitere Gesundheitsjünger zu uns an den Tisch. Gemeinsam, und ungeachtet meiner Essgewohnheiten (wie gesagt, ich esse worauf ich Hunger habe und  bezeichne mich  als Teilzeitvegetarierin ) unterhalten sie sich über ihre Vorlieben und welche Lebensmittel heute überhaupt  nicht mehr „ up to Date „sind.  Nach einer halben Stunde sind sich alle einig.  Am besten verzichtet man auf  alles Kohlenhydrathaltiges, Fettmachendes, Süßes und selbstredend natürlich auf  Fleisch.

 Ich schau  auf meinen  Teller herunter und denke.

< Da haben wir den Salat>.


Während mir  beinah jeder Bissen im Mund stecken bleibt,  kommt von rechts eine etwas füllige Dame herangeschlichen und hält doch tatsächlich in ihrer linken Hand eine dieser kleinen verführerisch aussehenden Gläser mit weißem Schokoladenmousse und Sahnehaube.  Ich will  gerade eine Warnung aussprechen, dass es besser wäre hier an diesem Stehtisch so etwas nicht zu essen, als  sich eine der schlanken Damen augenblicklich berufen fühlt der Vollschlanken  mit einem Seitenblick einen Seitenhieb zu versetzten und mit ihrer hohen oktavierten  Stimme verkündet:

< das hab ich mir auch abgewöhnt. Es schmeckt  himmlisch. Aber von den Kalorien zerrt  man  wochenlang. Drei  Stunden mehr Joggen in der Woche muss dann schon sein>.


 Aus dem Augenwinkel sehe ich  wie sich die Wangen der Vollschlanken von einem frischen Rot in ein dunkel Violett verfärben und ihr die Schokolade im Halse stecken bleibt.  Gottlob bleibt mir die Wiederbelebung erspart.  Noch bevor ich die Wogen glätten kann zieht sie von dannen und ich bin mit meinen „ Wir wissen was richtig ist „ alleine am Stehtisch. Eigentlich möchte ich nur noch weg und schaue hilfesuchend nach meinem Ritter in schillernder Rüstung, der sich wie auch immer anscheinend in Luft aufgelöst hat.  Und bevor ich handeln kann hat sich die einzig verbleibende Lücke mit zwei weiteren vom Gespräch angezogenen Gesundheitsaposteln gefüllt.

 Chance vertan, denke ich  und warte geduldig auf die nächste Gelegenheit.

Und während die Anderen  darüber palavern, ob es besser ist viermal oder doch lieber fünfmal in der Woche zu joggen, und welcher Park dafür am besten geeignet ist, und ob vor oder nach dem Frühstück, das selbstredend natürlich nur aus Bio- Müsli und für die Veganer aus Algenchips besteht , und ob man heute überhaupt noch Fleisch kaufen und essen sollte , und ob die neue Anti-Kohlenhydrat-Diät wirklich hält was sie verspricht, denke ich an die vielen Millionen Menschen auf der Erde, die sich freuen würden, wenn das ihre einzigen Sorgen wären.


Mein Wunsch lauthals nach Hirn und Empathie zu rufen wird immer stärker und bevor ich wie eine prall gefüllte Wasserbombe platze, nehme ich  die nächste Gelegenheit einer aufreißenden Lücke wahr und flüchte.

Mein Weg führt direkt am Buffet vorbei. Beim Anblick sehe ich  das gesamte Jammertal.  Würde jeder im Umgang mit Essen so nach- und umsichtig sein, wie mit sich selbst würde es jetzt nicht aussehen als wäre eine Bombe eingeschlagen.  Neben lieblos liegengelassene Schinkenstücken, achtlos zusammengerollte Roastbeef Scheiben und nackten Käsestücken, auf denen zuvor noch Weintrauben und Kirschen saßen, erblicke ich  hier und da noch Reste von zerstückelten Schweinelenden.


Und während mir das ganze Elend bewusst wird spüre ich  plötzlich eine vertraute Bewegung. Mein  verschollen geglaubter  Ehemann steht plötzlich neben dir, hält mich  ganz fest  und fragt spitzbübisch:


< meinst du, wir könnten uns ein Gläschen Schokomousse teilen? <


Ich lächel ihn dankbar an, nicke und weiß,  höchstwahrscheinlich hatte er ähnliche Tischnachbarn wie ich.

 Ich schnappe mir  eines der verführerischen Gläser mit dem köstlichen Schokomousse und während  ich mich genüsslich darüber hermache ,denke ich darüber nach, ob es wirklich notwendig ist andere in Sache Ernährung zu missionieren, ob es Sinn hat einer Diät nach der anderen nachzujagen und ob es im Leben nichts Wichtiges gibt , als die Frage zu klären, ob man heute noch Fleisch essen darf oder nicht oder wie viel Runden man für ein Schokomousse um den Park joggen muss, um die Vierhundert Kalorien wieder abzustrampeln.

Mal ehrlich.  

Wer im Überfluss hat jammert auf hohem Niveau……………. Vielleicht sollten wir alle zukünftig entspannter mit dem Thema Gesundheit und Essen umgehen.

Jeder Vorliebe ist individuell. Und ob man gerne Fleisch isst, oder keines, ob man den süßen Verlockungen des Lebens nicht widerstehen kann, Eiweiß den Kohlehydraten vorsieht oder frische Algen zu sich nimmt--------------  ist doch völlig Pappe.

 

In diesem Sinne

Herzlichst eure Lilo

 

 

 

           

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