Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Zeitlos oder, warum wir alle dem weißen Kaninchen ähneln…

Ruhe, Stille, Sofa  und eine Tasse Tee geht über alles, schrieb Theodor Fontane einst. Ich bin davon überzeugt, dass das heute noch genauso gilt. Nur leider nehmen wir uns immer weniger Zeit für die alltäglichen Dinge, die uns nicht nur inneren Frieden schenken, sondern, uns noch ganz andere Möglichkeiten bieten, als wir ahnen.

Neulich meinte eine Freundin zu mir: << Ich habe überhaupt keine Zeit mehr<< und damit hat sie gar nicht mal so Unrecht. Wir hetzen durch den Alltag und haben trotzdem oft das Gefühl, nicht alles zu schaffen. Zeitnot ist die neue Armut, las ich neulich in einer dieser neumodischen pseudo- psychologischen Zeitschriften, die uns, den gestressten Menschen von heute, den Durchblick darauf verschaffen sollen, was wichtig und unwichtig ist. Seltsam, dass wir mittlerweile solche Formate an Zeitschriften benötigen , um zu wissen, was uns gut tut und was nicht. Sich Freiräume zu schaffen ist sinnvoll, denn wenn wir ständig das Gefühl haben, dass uns zu wenig Zeit bleibt, macht das auf Dauer unzufrieden.  In dem Artikel schrieb der Ökonom Joachim Merz, dass Zeitnot die neue Armut ist! Bisher dachte ich, dass derjenige arm ist, der über wenig Geld verfügt. Und nun lese ich in einem Artikel, dass es bei Armut eine neue und rasant anschwellende Armut gibt, die wir jedoch als solche nicht auf Anhieb erkennen. Zusammen mit einigen Kollegen hat er eine Zeitarmutsgrenze berechnet. Hallo? Ist es wirklich schon so weit, dass wir unsere Zeit anhand eines Kontos regulieren müssen? Müssen wir wirklich Buch darüber führen, wie viel Zeit wir wann zur Verfügung haben und, wenn nicht ergründen, warum das so ist? Anscheinend ja, denn immer mehr Menschen klagen laut darüber, eben nicht mehr über ausreichend freie Zeit zu verfügen. Unsere freie Zeit liegt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen bei 192 Minuten pro Tag.  Wer über weniger verfügt, gilt für Merz als arm. 

 Jeder Mensch erhält 24 Stunden Zeit. Was wir daraus machen, ist uns überlassen. Wir können uns so viel an Aktionen aufladen, dass wir daran zu ersticken drohen, oder anfangen selbstbestimmt gewisse Dinge zu streichen, die uns unsere wertvolle Zeit stehlen. Aber, wie funktioniert das in einer so schnelllebigen Zeit wie der unseren?  Was können wir wirklich streichen und, was muss unbedingt getan werden? Schwierige Fragen, die so mancher sich nicht mal eben nach dem Aufstehen beantworten kann. Fragt man diejenigen, die ständig über Zeitmangel klagen, so erhält man nicht die Antwort: << ich lade mir einfach viel zu viel auf<<, sondern eher die Antwort: << Ich muss noch so viele Dinge erledigen, ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht?<<.  Der Lifecoach Thomas Hohensee , auch so ein neumodischer Beruf  für Menschen, die anscheinend überfordert sind, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hände zu nehmen, schrieb in eben diesem Artikel, dass er Menschen, die ständig unter Zeitnot leiden rät , sich zu überlegen, wofür man gerne Zeit hätte und was einen daran hindert, sich diese zu nehmen. Eine seiner Empfehlungen lautet, im Kleinen anzufangen und vom Auto auf die Bahn umzusteigen und die Fahrzeit zum Lesen zu nutzen. Man könnte auch Einladungen, die man erhält auf Lust und weniger Lust abklopfen und dementsprechend entscheiden, hinzugehen oder es bleiben zu lassen. Vielleicht auch mal den Besuch der Schwiegereltern, ohne nennenswerte Gründe, absagen und stattdessen zum Yoga zu gehen, ist eine  der möglichen Optionen . Auch  sich  eine Not- Do- Liste zu erstellen, hält er für eine ausgezeichnete Idee. Ich glaube nicht, dass die Menschen, die unter Zeitnot geraten, deshalb unter Zeitnot geraten, weil sie Sonntag für Sonntag ihre Schwiegereltern zu Besuch haben,  gleich mehrere Einladungen zu verschiedenen Feiern erhalten, oder so wichtige Dinge erledigen, dass sie alles andere glatt vergessen. Ich glaube eher, dass es daran liegt, dass  wir  modernen Menschen einfach vergessen haben uns , wie  Theodor Fontane, in aller Ruhe   hinzusetzen und mit stoischer Beschaulichkeit unseren Kaffee oder Tee zu genießen.

Die Hektik fängt schon morgens an. Wer nimmt sich schon Zeit für ein Frühstück? Die meisten hetzten schon in aller Herrgottsfrühe, wie aufgestochene Hühner durchs Leben. Rasch wird am Bahnhof ein Coffee to go gekauft und sich ein noch lauwarmes Croissant in den Mund geschoben. Magenschmerzen inklusive, denn diese morgendliche Hetze kann einfach auf Dauer für unseren Organismus nicht gesund und förderlich sein. Hektik bestimmt auch unser Arbeitsleben. Anstatt eine ruhige Pause zu genießen, wird oftmals im Stehen ein Brötchen verschlungen und schon wieder zum nächsten Termin gehetzt. Nach seinem wohlverdienten Feierabend müssen noch tausend Dinge erledigt werden und einkaufen können wir ja Dank aufgelockerter Öffnungszeiten bis in den späten Abend. Selbstredend gibt es auch Menschen, die neben ihrer Arbeit kaum Zeit haben, um überhaupt irgendetwas zu tun. Eine Freundin von mir zum Beispiel hat eine neue Arbeit angenommen. Seitdem bestimmt die Anfahrt und die Abfahrtszeit, zu ihrem Arbeitsort, mehr oder weniger ihr Leben. Was sie sonst unter der Woche erledigt hatte, muss jetzt bis zum Wochenende warten und natürlich packt sie in diese zwei Tage all das hinein, was sie sonst in fünf anderen Tagen erledigt hatte. Dass man am Sonntagabend dann müde und total fertig in den Seilen hängt, liegt auf der Hand.  An langen Arbeitswegen kann man nichts ändern, es sei dann, man sucht sich einen neuen Job. Auch daran, gewisse Dinge auf das Wochenende zu verschieben, kann man nichts ändern, wenn man unter der Woche Vollzeit berufstätig ist. Dennoch deshalb in Hektik und übereifrige Aktionen zu verfallen, ist nicht der richtige Weg.

Geben wir uns doch einfach die Erlaubnis, eins nach dem anderen zu machen und vielleicht auch einfach mal Dinge liegen zu lassen. Was wäre so schlimm daran, nach einer hektischen Woche eben nicht am Wochenende die Nacht zum Tag zu machen,  sich mit Freunden zu treffen oder,  die Wohnung auf den Kopf zu stellen ? Natürlich ist es schön, in seiner Freizeit die Dinge zu tun, die einem Spaß bringen. Aber einfach mal still auf dem Sofa zu sitzen , einen gemütlichen Fernsehnachmittag zu machen oder eine Stunde in der Wanne zu liegen, kann genauso erfüllend sein und bringt genau die Ruhe, die wir so sehr vermissen. Zeit ist ein subjektives Gefühl. Gut, der Tag hat 24 Stunden auch daran können wir nichts ändern. Machen Sie mal den Versuch, und probieren es aus, 10 Minuten ihrer kostbaren Zeit, still zu sitzen und nichts zu tun. Wissen Sie, wie lang da 10 Minuten sein können?Die meisten Menschen geben schon nach einer bis zwei Minuten auf. 

Achtsamkeitscoach Anke von Platen kann garantiert ein Lied davon singen, wie viele zeitnot geplagte Menschen , aber vor allen Dingen gestresste Menschen es gibt. Allerdings,  bin ich  immer wieder erstaunt, welche Berufe unsere schnelllebige Zeit, im Laufe der letzten zwanzig Jahre ersonnen hat. Unsere Großeltern und Eltern  bedurften garantiert keinen Achtsamkeitscoach oder einen Lifecoach. Sei es drum, mittlerweile gibt es derlei Berufe und anscheinend haben sie auch alle Hände voll zu tun, uns modernen Menschen wieder auf die Spur zu bringen, oder zu zeigen, wie Leben funktioniert.  Jedenfalls erzählt sie gerne von der Geschichte des alten Mannes, der nach seinem Lebensgeheimnis gefragt wird und auf diese Antwort ebenso einfach wie klar antwortet: << Wenn ich sitze, sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich<<

Letztendlich bedeutet es nichts anderes, als sich öfter sehr bewusst zu machen, was wir eigentlich tun, wenn wir etwas tun und das, was wir dann tun auch so zu akzeptieren, ohne noch nach anderen Dingen zu schielen.

Ein Freund erzählte uns von seinen Eindrücken aus Thailand und, dass dort die meisten Menschen mit zwei Smartphones ausgestattet sind. Das eine nutzen sie , um sich ihre Ohren von lauter Musik beschallen zu lassen , auch so eine Unsitte, die man allerorts sehen kann, und das Andere halten sie starr vor ihrem Gesicht , um ja nicht eine einzige Minuten im WWW zu verpassen. Gottlob ist es bei uns noch nicht ganz so schlimm. Aber weit davon entfernt, sind wir auch nicht mehr.

Die Zeit vergeht nicht schneller als früher; aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.  Wir sollten einfach lernen gelassener, auch mit unserer zur Verfügung stehenden Zeit, umzugehen. Es ist nämlich nicht die Zeit, die drückt oder die uns rasanter durchs Leben gleiten lässt, sondern die innere Einstellung dazu.  Wir selber machen uns Druck, weil wir oftmals so viele Dinge in ein und derselben Zeit erledigen wollen, dass wir selbstredend ins Trudeln dabei geraten. Je mehr wir nämlich tun, desto unproduktiver sind wir am Ende und das wiederum macht mit der Zeit unzufrieden und gibt einem das Gefühl, über viel weniger Zeit zu verfügen, als wir eigentlich haben. Unsere innere Unruhe , das ständige Aufgerieben sein und das Gefühl nicht genug zu schaffen, nicht dabei sein zu können, nicht erreichbar zu sein und etwas vom WWW Leben zu versäumen , lässt uns wie ein Hamster im Rad durch die Zeit rasen. Gelassenheit kann helfen, Zeit für sich anders zu empfinden. Pausen bringen uns die verloren geglaubte Zeit zurück. Einfach mal einen Gang runterschalten, verschnaufen und innehalten, wo wir es sonst nicht tun. Pausen sorgen für Abstand und dadurch lernen wir wieder uns auf andere Dinge, wie zum Beispiel, uns selbst einzulassen. Wer Kontrolle über seine eigenen Aktivitäten hat und lernt im entscheidenden Moment auch mal Nein zu sagen, wird erfahren, dass Zeit manchmal nicht nur sehr lang sein kann, sondern , auch gut tut, wenn wir sie nicht mit Aktionen füllen.

Anke von Platen meint dazu<< wer sich auf den Moment fokussiert, entwickelt ein Gespür für das Jetzt. Er verhindert, dass die Gedanken fliehen, und stoppt den Autopiloten, mit dem wir durch den Tag gehen<<

Gönnen wir uns also  mindestens einmal am Tag die Möglichkeit mal wieder,  einfach nur zu sein. Oftmals reichen schon ein paar Minuten aus. Vielleicht , wenn man es mittlerweile verlernt hat, Zeit für sich zu nutzen und die Stille zu genießen, könnte man sich einen Wecker stellen und exakt auf Glockenschlag  alles stehen und liegen lassen und für zwei, drei Minuten nur tief einatmen und in sich lauschen.  Dumm? Nein, finde ich ganz und gar nicht!  Wie lang zwei oder drei Minuten wirklich sind, weiß man erst, wenn man es ausprobiert hat. Vielleicht erfreuen wir uns an der Kirschblüte im Garten, an den vorbeifliegenden Vögeln, an lachenden Kindern, die wir plötzlich auch wieder sehen oder, einfach nur daran frei Durchatmen zu können und ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln.

Bald ist Weihnachten und vielleicht ist das der passende Moment uns selbst etwas zu schenken.  Schenken wir uns also Zeit.  Denn Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt! Ein Versuch ist es wert. Wir haben damit zwar nicht mehr reale Zeit zur Verfügung. Aber die, die wir haben, erleben wir anders, bewusster und dadurch erhalten wir ohne viel Aufhebens ein völlig anderes Bewusstsein für Zeit und für die Dinge, die uns wichtig sind.

Zeitnot ist die neue Armut! Es wird Zeit, dass wir alle ein Stück reicher werden.

 

In diesem Sinne

Herzlichst eure Lilo.

  

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