Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Etwas ist faul im Staate Dänemark oder, wenn Erinnerungen klebrig festsitzen.    

Neulich waren ein Teil meiner Familie und ich nach soundso vielen Jahren mal wieder gemeinsam im Urlaub. Schade, dass nicht alle konnten. Aber so ist es nun einmal, wenn aus Kindern Erwachsene werden. Die Interessen gehen im Laufe der Jahre halt doch auseinander. Jedenfalls ging es mal wieder in das Land das für uns Jahrzehnte der Inbegriff an wohlig romantischen Stunden am Kaminfeuer, wilder Natur, stundenlangen Aufenthalten am Strand, leckerem Gebäck und selbstredend Hotdog Buden und Softeis-Ständen,  wohin man auch blickte, gewesen war. Die Gründe, weshalb wir in den letzten fünfzehn Jahren unseren Urlaub, im Herbst oder Frühling, nicht mehr dort verbracht haben, sind vielfältig. Es lohnt nicht sie aufzuzählen. Dennoch habe ich, wie  früher,  Kisten und Kästen gepackt. Schlussendlich konnte ich mich noch sehr gut daran erinnern, dass es Nerven und Geldbeutel schonte, wenn man sich schon vorher mit allerlei Lebensmitteln und anderen Gebrauchsgegenständen ausrüstete. Na ja, was ist ein Urlaub in DK schon ohne seinen Lieblingskäse, der Lieblingsmarmelade, ein Paket dunkles Vollkornbrot, vielen Vorräten  einer fertig Packung Spaghetti für die erste abendliche Mahlzeit? Rote Wurst mochte ich immer nur als Hotdog!

Vollgepackt, als würden wir geradewegs ausziehen wollen, starten wir in unseren wohlverdienten Urlaub.  Schnurstracks fuhren wir ins Land unserer verklärten Erinnerungen. Nach 5 Stunden Fahrt waren wir endlich am Ziel und stellten fest, dass nichts mehr so war, wie früher. Nach weiteren zwei Tagen, in denen wir uns alle mehr oder weniger daran gewöhnt hatten, dass es weder Super Brugsen noch die obligatorischen Hotdog Buden und Softeis- Stände gab , meinte meine Schwester völlig enttäuscht: << Dänemark ist auch nicht mehr das, was es mal war<<.

Stimmt, gab ich ihr Recht. Anstatt Super Brugsen  sah man überall Leuchtreklame von bekannten Discountern, die Holzbuden, mit flatternden Wimpeln, auf denen man schon von Weitem in rot- weißer Schrift „ Danske Hot Dog“ lesen konnte , waren ebenso verschwunden, wie die guten alten Softeis-Stände. Ersetzt durch neu moderne Fast Food Restaurants, schicken Bäckerein und Selbstbedienungsläden. Selbst die rote Wurst und das künstlich aussehende Fleisch waren aus den Kühltruhen verschwunden und nach den kleinen Läden mit traditionellen dänischem Schnickschnack und Kerzen, zum selber ziehen, suchte man vergebens. Himmel, was war mit meinem „ Good old Danmark“  passiert? Nichts, was nicht auch woanders geschehen ist!  Nur wir Menschen hängen halt gerne romantischen und verklärten Erinnerungen nach, wie die Motte dem Licht.  

 Wie oft hören oder lesen wir Sätze wie „ früher war alles besser“ oder „ wisst ihr noch, wie toll alles früher war“. Dabei stimmt das so gar nicht. Es war nicht besser, sondern anders als heute. Jedes Jahrzehnt hat seine ganz eigenen Gegebenheiten und Lebensweisen.  Es ist, wie es ist. Die Zeit kennt kein Halten und so manches, was in unserer Erinnerung als liebenswert erscheint, ist gelinde gesagt Schnee von gestern und mittlerweile so Mottenzerfressen, dass man die Löcher schon von weitem sieht. Dennoch hängen wir unseren Erinnerungen nach! Wir tun es, weil eben genau diese sentimentalen  Erinnerungen in uns schöne Empfindungen wachrufen und uns die eigene Vergangenheit viel schöner, sicherer und besser vorkommen lässt, als die Zeit, in der wir gerade leben. Bei dem Gedanken dort alles so vorzufinden, wie vor fünfzehn Jahren, muss ich noch leise schmunzeln. Hatte ich wirklich erwartet meine Einkäufe in einem kleinen Laden zu tätigen, wo mich eine ältere freundlich dreinblickende Dame bedient und ich lose rostige Nägel (leckerer Lakritz) kaufen kann? Bin ich wirklich davon ausgegangen, dass sich in all den Jahren nichts verändert hat? Vielleicht nicht wirklich. Aber manchmal ist der Wunsch dann doch der Gedanke!  Es ist ergo nichts falsch im Staate Dänemark, sondern bestenfalls in meinem Kopf und dem meiner Schwester!  

 Jede Zeit hat seine Erinnerung! Und, in einem oder mehreren Jahrzehnten wird die heutige junge Generation, ebenso wie wir,  ihre Zeit mit einem netten und übertriebenen Glorienschein überziehen und sie aussehen lassen, wie eine Welt aus Zuckerwatte und Eischnee. Was durchaus legitim und menschlich ist.  Wer weiß schon, was in zehn oder zwanzig Jahren ist und wie rasant sich unsere Welt noch verändert? Und,  vielleicht werde ich mich dann, alt und grau, wie ich geworden bin, während eines Urlaubes in DK ,  an die modernen Fast Food Läden ebenso sentimental erinnern, wie heute an die alten Holzbuden , mit den leuchtenden Fähnchen und den vielen Softeis- Ständen und mich wundern, dass am Hauseingang des Ferienhauses ein Roboter steht, der mir meine Koffer abnimmt und ich meine Einkäufe mittels eines modernen Computersystems abwickeln kann? Und es würde mich auch überhaupt nicht wundern, wenn wir die Fahrt dorthin mit einem hypermodernen und stromgetriebenen ultra-leichtem und rasant schnellen Automobil absolvieren würden und man uns an der Grenze, die es dann vielleicht auch wieder geben wird,  mittels Detektoren auf Herz und Nieren überprüft.  

Nichts ist unwahrscheinlich. Alles kann sein und, wenn wir eines ganz genau wissen, dann ist es die Tatsache, dass sich unsere Welt weiterdrehen und verändern wird. Was auch gut ist, solange uns dabei nicht schwindelig wird. 

Denn, um es mit den Worten eines lieben Freundes zu beschreiben.  Auch, wenn es keine Hotdog Buden und Softeis - Stände in Dänemark mehr gibt, so sind die Erzeugnisse immer noch die Gleichen. Das Umfeld hat sich geändert. Vielmehr Touristen sind unterwegs , um Hotdogs und anderes zu verspeisen.  Früher gab es noch den Slagter mit viel roter Wurst und köstlicher Leverposte und eine Bageri mit leckeren dänischen Backwaren. All das gibt es heute auch noch immer, nur zusammengefasst beim Kobman Hansen oder,  wie sie sonst heißen mögen.

 Was gleich  geblieben  ist, ist der Strand, die Häuser, mit Ofen und Sauna und ein Land mit einer Luft, die man am liebsten einpacken und für immer konservieren möchte. 

Es ist schon richtig. Dänemark hat sich nicht verändert. Nur das Drumherum vermischt mit unseren Erinnerungen , so klebrig wie Zuckerwatte und dänischem Gebäck , lassen uns  manchmal etwas anderes glauben.  


In diesem Sinne

Herzlichst ihre / eure Lilo.  

 

   

 

 

 

 

   

 

   

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