Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Solange man nicht in den Schuhen eines anderen steckt, kann man auch nicht sagen, wie sein Leben ist und ob es einem gefallen könnte.

Kennt ihr diese Menschen, bei denen sich jahrelang nichts ändert? Die immer irgendwie den gleichen Job haben, dieselbe Beziehung oder das gleiche Single-Dasein. Die den Wohnort nie verlassen und stets die alten Hobbys ausleben? Ernsthaft, diese bürgerlichen Ketten wären mir zu eng. Ich würde mich so langweilen, wenn alles stagniert.

Ich gebe zu, diese Fragestellung, auf dem Profil eines FB- Bekannten, traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Mein erster und für mich vollkommen verständlicher Gedanke war, was für eine überhebliche, selbstgefällige und arrogante Frage das doch ist? Wie kann sich jemand hinstellen und andere so brüskieren, dachte ich, während ich selbstredend sofort und augenblicklich eine, wie ich fand passende Antwort schrieb.

Für diese im ersten Rausch meiner eigenen Entrüstung verletzende Frage hatte ich null Verständnis. Ja, ich fühlte mich sogar in meinem Dasein herabgewürdigt. Mein Ego verlangte nach Absolution oder zu mindestens einer kleinen Genugtuung. Wie ein Luchs verfolgte ich die Diskussion und nahm jede Antwort, die meinem Gemütszustand und somit auch meiner Lebenssituation ähnelten mit heroischer Freude auf. Und während ich in aller Ruhe die Antworten der anderen las, erwischte ich mich bei dem Gedanken, dass ihm recht geschieht, wenn man ihm jetzt dafür die Hölle heiß macht!  Die Möglichkeit seine Frage nicht als provokant und selbstgefällig anzusehen, sondern aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten, erschien mir völlig absurd.

 Betrachte ich jedoch die obige These mit anderen Augen, nämlich aus dem Blickwinkel des Fragestellers, so ist diese These weder provokant noch verletzend. Ja, sie stellt nicht einmal mein bisheriges Leben infrage oder verurteilt mein Dasein, denn niemand kann wirklich wissen, wie das Leben des anderen ist, wie es sich anfühlt oder, ob das Leben welches er oder sie führt ihn wirklich zufrieden und glücklich sein lässt. Wie auch, wenn wir selbst nicht einmal in der Lage sind zu beurteilen, ob eine andere Lebensform uns glücklicher oder zufriedener gemacht hätte. Um das zu können, müssten wir das Rad zurückdrehen und von vorn beginnen.

Eine indianische Weisheit besagt:

„Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn du ihn verstehen willst.“

Aber wollen wir das wirklich – ich meine den anderen verstehen? Ich glaube, das fällt den meisten verdammt schwer. Wir Menschen neigen dazu, das Verhalten oder die Lebensform anderer zu beurteilen und in manchen Fällen sogar zu verurteilen. Wir tun dies mit einer Regelmäßigkeit und beinah schon stoischen Beharrlichkeit ohne, dass wir uns auch nur fünf Minuten wirklich die Zeit nehmen, um uns in die Situation des anderen hineinzuversetzen.

Viele Missverständnisse und oder Vorurteile entstehen, weil wir in einer Art Tunnelblick nur auf die winzig kleinen Puzzleteile eines gesamt großen Bildes starren. Was den Menschen, sein Leben, seine Philosophie, seine Träume, Hoffnungen und Wünsche angeht darüber machen wir uns nur sehr selten wirklich Gedanken. Und selbst die Frage, ob man in den Schuhen in denen er oder sie steckt glücklich ist, beurteilen wir lediglich nur nach unseren eigenen Maßstäben. Und die wiederum werden durch unsere eigene Geschichte und der Lebensform, für die wir uns entschieden haben, maßgeblich geprägt. Manche Sicht auf das, was wir als gut oder schlecht, liebenswert oder lebenswert empfinden, wurde uns entweder als Fundament mitgegeben oder durch Ereignisse, auf die wir als Kind keinen Einfluss hatten, maßgeblich geprägt.   

Selbstredend, wer als Kind in einem glücklichen Elternhaus aufwuchs und gelernt hat, dass, sowohl Familie als auch ein kontinuierliches Leben positiv zu werten ist, wird sich eher für ein ebensolches Leben entscheiden. Und es ist ebenso eine logische Schlussfolgerung, dass diejenigen, deren Kindheit durch Streit und Scheidung der Eltern geprägt wurde, sich selten für ein derartiges Leben entscheiden werden. Ob diejenigen ihr Glück im Herumstreifen, mehreren Beziehungen oder im Single – Dasein finden, ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann und schon gar nicht zu beurteilen habe. Statistiken zeigen allerdings, dass Ehe oder Beziehungen von Scheidungskindern schneller vom aus betroffen sind, als die von Kindern aus einer zufriedenen und glücklicheren Elternbeziehung. In vielen Fällen jedoch entscheidet weder noch das glückliche oder das unglückliche Elternhaus das eigene Leben, sondern wird bestimmt durch die eigene Berufswahl, sexuelle Neigung oder den verpassten Chancen. Was wir anderen sehen, ist lediglich das Resultat.

 Und selbstredend ist es nicht verboten an den Resultaten Kritik zu üben. Kommt halt immer auf die Sichtweise an oder auf das, was jeder Einzelne von seinem Leben erwartet. Eine solche Kritik abwertend oder als überheblich zu empfinden dafür, trifft den Fragesteller eigentlich keine Schuld, sondern ist dem eigenen Ego geschuldet oder, der Fähigkeit sich mit einer provokanten Fragestellung auseinandersetzen zu wollen. Jeder Form der Auseinandersetzung bedeutet auch Selbstreflexion und das Für und Wider seiner Lebensform zu überdenken oder ggf. eine leichte Schieflage wieder ins richtige Lot zu bringen. Und genau das hat der Verfasser zu mindestens bei mir erreicht – ich bin absolut im Reinen mit ihm. Denn weder vermisse ich wirklich etwas Großartiges, noch bin ich mit meinem Resultat unzufrieden. 

Ein anderes Leben als das, was ich führe, hätte ich nie haben wollen. Mir die Frage zu stellen, ob ich in anderen Schuhen glücklicher geworden wäre stelle ich mir nicht. Nicht, weil ich dadurch mein Leben infrage stellen oder bemerken könnte, dass ich vielleicht doch etwas vermisse, sondern, weil mir mein „langweiliges „Leben genau die Sicherheit bietet, die ich zum Leben benötige. Zu wissen, dass, mein Leben morgen immer noch so sein wird, wie ich es die Nacht zuvor hinterlassen habe, ist ein verdammt gutes Gefühl.

Wer mit sich selbst in Frieden leben will, muss sich so akzeptieren, wie er ist.

In diesem Sinne

Herzlichst eure Lilo 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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