Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Vom präfrontalen Cortex oder, warum der Weg vom Baum keine Kunst ist! 

Die Tatsache, dass wir in Millionen von Jahren eine enorme Entwicklung hinter uns gelassen haben, ist unumstritten. Ebenso, dass uns erst gewisse wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen ein Leben, wie wir es heute kennen, ermöglicht haben. Und dennoch bleibt vieles noch immer im Verborgenen und manches, von dem, was Wissenschaftler herausgefunden haben, bleibt oft genug unbeachtet. Wie zum Beispiel dieser kleine unscheinbare Gehirnlappen, den die Wissenschaftler „Präfrontalen Cortex“ nennen und das, obwohl er sozusagen der Steven Spielberg unseres Gehirns ist. Mit ihm kreieren wir unseren größten Blog Buster. Vielleicht bezeichnen Gehirnforscher ihn deshalb gerne als „Wiege der Kultur“. Ganz so würde ich es jedoch nicht sehen. Aber, dass der Cortex unser größter Frontallappen ist, bleibt unumstritten. Viele Autoren verorten hier die höhere geistige Funktion des Menschen, also das, was uns letztendlich vom Tier unterscheidet. Gut, böse Zungen behaupten ja gerne, dass das nie der Fall ist und wir Menschen nach wie vor im Denken und Handeln eher Primaten ähneln, als kultiviert denkende Kreaturen. Und ehrlich gesagt, möchte ich ihnen, angesichts so manch menschlichen Entwicklungen letzter Zeit hin und wieder beipflichten. Bisweilen kann man da schon glauben, dass sich bei dem einen oder anderen Zeitgenossen, entweder nie ein derart entscheidender Gehirnlappen gebildet oder dieser sich sozusagen selbst in Luft aufgelöst hat.

 Wie auch immer. Keiner unser sonst vorhanden Frontallappen scheint dem Cortex das Wasser reichen zu können. Nur durch ihn besitzen wir die Fähigkeit der Aufmerksamkeit, des Nachdenkens, der Entscheidungsfindung und Planung und gilt sozusagen als Sitz für unser aller Persönlichkeit. Bei so vielen gewichtigen Funktionen ist es nicht verwunderlich, dass dieser unscheinbare Lappen für seine volle Entwicklung mehr als 25 Jahre benötigt.  Wissenschaftler gehen davon aus, dass unser Gehirn erst mit dreißig Jahren erwachsen genug ist, um weitreichende Entscheidungen, wie die für einen Beruf oder der Partnerwahl zu treffen oder überhaupt zu erkennen, was gut für uns ist.

Kein Wunder also, dass heute jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland seine Berufswahl, seinen Job und sogar sein Studium in Nachhinein bereut oder ganz einfach feststellt, dass sein Leben einfach nicht mehr zu ihm oder ihr passt. Und auch der Spruch -  jung gefreit ist halb bereut -  wird mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen ad absurdum geführt. Amors Pfeil sollte einem also nicht vor seinem dreißigsten Lebensjahr treffen. Und bitte, wir sollten auch aufhören uns darüber zu wundern, dass sich heute so viele jüngere Menschen gebärden, als hätten sie gerade erst eben die Stufe vom Baum auf die Erde geschafft.  Sie und ihr Frontallappen führen noch unterschiedliche Leben und sind Galaxien voneinander entfernt.   

Aber, was fangen wir nun an mit dieser Erkenntnis? Nichts! Weil vieles im Nachhinein nicht mehr zu ändern ist. Unsere Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, dass wir sozusagen ein fertig erdachtes Leben so um Mitte zwanzig haben. Eine Zeit, in der nach wissenschaftlichen Erkenntnissen jedoch dieser Frontallappen erst ausgereift ist. Also rein hypothetisch gedacht. Würden wir unser Leben allein nach unserem Frontallappen ausrichten hieße es, erst mit fünfzehn eingeschult zu werden, damit man mit Mitte zwanzig so weit ist, um zu wissen, was man mit seinem Schulabschluss wirklich anfangen möchte und endlich ein Leben führen kann, dass sozusagen konform mit dem eigenen präfrontalen Cortex einhergeht. Rein hypothetisch, wäre man dann mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig mit seiner Ausbildung oder dem Studium fertig und könnte endlich mit dem Berufsleben starten. Bei einer zu erwartenden Berufstätigkeit bis zum 70 zigsten Lebensjahr immer noch Zeit genug, um am Bruttosozialprodukt mitzuarbeiten. Das jedoch widerspricht unseren gesellschaftlichen Normen ungemein. Abgesehen davon ist das zu erwartende Lebensalter, in den letzten Jahrzehnten nicht grundsätzlich signifikant gestiegen. Um all das zu erreichen, was die meisten Menschen erreichen wollen, erleben wollen – müssen wir einfach früher anfangen. Gut, manche Entwicklungen halte ich für ziemlich prekär und einiges wiederum hat sich gewollt oder ungewollt unseren Frontallappen ziemlich angepasst. Der Trend zur späten Bindung und Heirat und Familiengründung harmoniert mit dem Entwicklungsstand unseres Frontallappens sehr gut. Anderes hingegen wird schon in seiner ersten Entwicklungsphase eingeleitet und führt manchmal in späteren Jahren zu Problemen und Schwierigkeiten. Die Devise – je früher, umso besser ist demzufolge nicht immer weise und klug. Vieles widerspricht sich auch gegenseitig. So heißt es doch auch – was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Was ja für den Trend spricht, seine Kinder möglichst frühzeitig einige schon mit fünf Jahren – in die Schule zu schicken. Und hat sich nicht auch in der Schulreform so einiges getan? Seit Jahren wird das Abitur schon nach 12 anstatt nach 13 Schuljahren abgelegt und, mit der neuen Studienreform, also schnellere Studienzeiten sind unsere akademischen Absolventen oftmals nicht älter als 22 oder 23 Jahre. Selbst manche Berufe kann man heute anders als noch vor Jahren in zwei, wenn nicht sogar schon nach 1 1 /2 Jahren absolvieren.    

Und bei alldem hat natürlich keiner – nicht einmal eine einzige Minute - an unseren Präfrontalen Cortex gedacht!

Wozu also machen sich Wissenschaftler überhaupt die Mühe uns Menschen ständig zu erklären, dass gewisse Entwicklungen, ob geistige, emphatische oder gesellschaftliche ihre Zeit benötigen, man also erst einen gewissen Reifeprozess durchlebt haben muss, um bei allen gesellschaftlichen Spielen die Regeln zu beherrschen? Sicherlich nicht, um uns den letzten Nerv zu rauben, uns zu verunsichern oder einen Bären aufzubinden. Und dennoch handeln und richten wir Menschen uns selten nach irgendwelchen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wie Pipi Langstrumpf machen wir uns schon seit vielen Jahrhunderten unsere eigene Welt und nutzen die Wissenschaft nur dann, wenn sie gesellschaftlichen Nutzen aufweist, uns einen gewissen Komfort sichert oder bahnbrechende Erkenntnisse liefert. Den erhobenen Zeigefinger der Wissenschaft übersehen wir dabei geflissentlich und, wenn es darum geht unser Leben zu ändern oder danach auszurichten, sind wir nicht nur taub, sondern auf beiden Augen blind! Was diverse Erkenntnisse über uns Menschen übrigens mit einschließt.  

Isaac Asimov, ein russisch amerikanischer Biochemiker, Sachbuchautor und einer der bekanntesten Science Fiction – Schriftsteller seiner Zeit sagte einst:

<< der traurigste Aspekt derzeit ist, dass die Wissenschaft schneller Wissen sammelt, als die Gesellschaft Weisheit>>.

Vielleicht ist das die einzig denkbare Erklärung für so vieles was falsch oder aus dem Ruder läuft?  Nirgends steht geschrieben, dass die Menschheit weise und klug ist. Die Tatsache, dass wir in Millionen langer Entwicklung und Evolution es vom Baum auf den Boden geschafft haben, nicht mehr auf allen vieren kriechen, uns nicht mehr gegenseitig am Hintern oder die Läuse vom Kopf kratzen, die Fähigkeit der Sprache entwickelt haben was nicht bedeutet, dass man sich auch gegenseitig versteht – und, wir uns das Essen nicht mehr in den Mund stopfen und uns gegenseitig klauen und in jahrelanger Perfektion unseren kleinen Präfrontalen Gehirnlappen überlistet haben, hat uns nicht klüger und weiser, besser und fähiger gemacht miteinander friedlich und zukunftsorientiert zu leben, als andere Lebewesen auf Erden.

 …………………… Vom Baum auf den Boden und der aufrechte Gang,  Ja, nicht einmal das Überlisten unseres Präfrontalen Cortex war eine Kunst............. 

Die Kunst des Lebens ist:  allen Widrigkeiten, brausenden Stürmen, hunderttausend Ungewissheiten, unendlichen  Gefahren und Niederlagen zum Trotz ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen. 

Wenn uns das gelingt  - ja, dann können wir getrost unserem Präfrontalen Cortex die kalte Schulter zeigen. 

 

In diesem Sinne herzlichst eure Lilo.        

 

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