Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen

Von Mensch, zu Mensch oder doch so mancher falscher Fünfziger?  

Dieser Tage liegen Geduld und nochmals Geduld hoch im Kurs. Gut beraten ist der, der es schafft sich trotz Social Distance nicht zu langweilen. Hobbys aller Art, selbstredend nur die, die man von Zuhause aus machen kann, sind heiß begehrt. Ja, so mancher lernt eine neue Sprache, ein Musikinstrument oder entdeckt sein Talent im Malen. Social Distance, ist leider kein Begriff mehr aus irgendeinem Hollywood Blockbuster, sondern bittere Realität. Nicht einfach, in einer Welt, die sich bisher aus den Wörtern: Höher, schneller und weiter genährt hat. Bis vor ein paar Wochen galt noch die Maxime nach Oben und keinesfalls nach unten, raus statt drinnen und in kurzer Zeit möglichst ganz viel erleben und sehen. Nun scheint es so, als würden wir zu alten Werten und einer inneren Ruhe zurückkehren.

 Wir entschleunigen unseren Alltag und uns. Entdecken unser Herz für andere und einer noch nie da gewesenen Menschlichkeit. Nichts, ist mehr sicher. Nicht einmal mehr auf den Griesgram im Nachbarhaus, den Besserwisser im Netz, den ewig Gestrigen und oder den hoffnungslosen Weltverbesserer ist Verlass. Plötzlich sind alle so wahnsinnig nett und verständnisvoll. Man achtet aufeinander und auf die, die man sonst unter ganz normalen Umständen vergessen hätte oder erst gar nicht auf dem Schirm hatte. Kann ein Virus wirklich das schaffen, wozu ganze Generationen nicht fähig waren? Im Moment wissen wir nur, dass das, was gestern noch sicher war, schon morgen vielleicht nicht mehr gilt.  

Sicher ist in diesen Tagen nur, dass wir alle vieles neu erlernen. Menschen, auch diejenigen, die wir glauben zu kennen, entdecken wir auf wundersamer Weise ganz neu. Manch einer stellt sogar erstaunt fest, dass der, der nach außen hin immer so stark erschien auch nichts weiter ist als eine verletzliche Seele und, dass hinter der Fassade einer grauen Maus durchaus eine starke Persönlichkeit stecken kann. Menschen von denen wir es vielleicht am wenigsten erwartet hatten packen an und bieten Hilfe dort wo Hilfe notwendig ist und diejenigen, die sonst oft genug mit großer Klappe durchs Leben gingen, sind dieser Tage kaum zu sehen geschweige denn zu hören. Irgendwie kommt mir da der Spruch:  Du wirst so alt wie eine Kuh und lernst immer noch dazu“, in den Sinn. Und so ist es auch. Wir alle, ob es uns passt oder nicht, werden durch diese unwirkliche Zeit, die so manchen vorkommt, als wären wir alle Protagonisten im neuen Sciences Fiction Film von Steven Spielberg, geprägt. Wir lernen so viele Dinge über uns selbst und anderen, dass es mich gar nicht wundert, wenn dem einen oder anderen am Ende des Tages der Kopf qualmt.  Dieser Tage können wir beweisen, wie lernfähig wir wirklich sind und ob, die Lehren, die wir machen werden, ob freiwillig oder unfreiwillig, wirklich dazu führen, dass wir langfristig eine Änderung in unserer Weltordnung akzeptieren oder, ob die Begriffe: Höher, weiter und schneller uns schneller einholen als manchen unter uns lieb ist.

Aber es ist auch eine Zeit der Heuchler, der Ausnutzer, der Seelenfänger und Verschwörungstheoretiker. Wer, wie ich des Öfteren im Netz unterwegs ist kriegt schon eine ganze Menge mit. Manches erfreut und anderes lässt einen nur erstaunt fragend dastehen. Insofern ist dies auch noch eine Zeit des Wunderns und Staunens.

Wir reden wieder miteinander. Gott sei Dank tun wir das. Wildfremde Menschen, die sich nie begegnet sind, teilen sich mit, worüber sie sich sorgen und welche Ängste sie quälen. Man macht sich Mut und tröstet sich gegenseitig und plötzlich und ohne großes Zutun wird via Netz aus vielen fremden eine Gemeinschaft. Etwas, was man vorher für fast unmöglich gehalten hätte. Wir klatschen Beifall für all diejenigen, die nach dem neuen Begriff in Systemrelevanten Berufen arbeiten und zollen ihnen endlich die Achtung, die wir ihnen seit Jahrzehnten gerne verweigert haben. Plötzlich nimmt man die Kassiererin an der Supermarktkasse und die Pflegekräfte im Krankenhaus wahr. Es ist eigentlich schon verdammt traurig, dass es erst so eine Krise bedurfte um uns für diejenigen zu interessieren, die sich beruflich für andere aufopfern, damit es uns, der Gesellschaft gut geht und die am Ende für all ihre Arbeit dennoch viel zu wenig entlohnt werden. Was von dieser neuen Begeisterung übrig bleibt wird sich zeigen, wenn die Krise vorbei ist. Und dass sie irgendwann vorbei sein wird, ist sicher - so viel steht fest.

Dennoch, eifern wir dieser Tage einer Menschlichkeit nach, die uns sonst bestenfalls als edles Gut aus vergangenen Jahrhunderten bekannt war. Edle Ritter in schillernder Rüstung galoppieren durch die Netze - immer auf der Suche nach guten Taten und Worten. Es gibt Möchtegernversteher, die Kommentare – auch gut gemeinte – posten, als ginge es um ihr Leben. Andere fühlen sich mittlerweile dazu aufgefordert, all diejenigen den erhobenen Zeigefinger zu zeigen, die sich mittlerweile weigern jede neue Hiobsbotschaft wie ein Schwamm aufzusaugen. Berichte über weinende Kinder, die unter Tränen in die Kamera blicken und todtraurig erzählen, dass sie ihre Großeltern nicht sehen können bevölkern Netze und Fernsehsendungen. Nur beiläufig erfährt der aufmerksame Zuschauer, dass die Großeltern gut 500 Kilometer weit entfernt wohnen und dass dieses Enkelkind ihre Großeltern auch unter normalen Umständen nicht gesehen hätte, weil man sich bestenfalls zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten sieht. Überall liest man von alten und kranken Menschen, die abgeschottet in ihren Heimen sitzen und keinen Besuch erhalten. Ja, sie können einem leidtun. Aber sie hätten einem auch schon vorher leidtun können, weil es oftmals ihr Alltag ist, weil diejenigen, die sie besuchen sollten viel zu sehr mit ihrem Alltag und dem eigenen Vergnügen beschäftigt sind, als dass sie sich um ihr altes Mütterchen kümmern. In diesen Tagen vergisst man nur allzu gerne, dass, Randgruppen unserer Gesellschaft leider viel zu oft instrumentalisiert werden, um was zu erreichen? Mitleid und Einschaltquoten!

 Es kann einem beinah übel werden, bei der Fülle an Menschen, die wie Ameisen die Netze bevölkern und sich plötzlich und völlig unerwartet um die Sorgen, die ihnen früher nicht einmal aufgefallen sind. „Gebt Obacht auf die armen Kinder in eurer Nachbarschaft“ las ich gestern, in Großbuchstaben auf Facebook.  Mal ehrlich? Interessiert es sonst irgendwen, ob das Kind zwei Häuser weiter unter häuslicher Gewalt leidet, nichts zu essen hat und Tag ein tagaus in einem Zuhause leben muss, dass nicht einmal das Wort wert ist? Ich will gerne glauben, dass die sonst dahingesagte Floskel „Bleib gesund“ mittlerweile an Wert gewonnen hat. Gesegnet sind dieser Tage die Menschen, die über ein gesundes und kräftiges Immunsystem verfügen. Das eigene und fremde Wohlbefinden scheint mehr und mehr in den Focus zu rücken. Und ich will auch nicht abstreiten, dass bei dem einen oder anderen ein wirklicher Denkprozess stattgefunden hat und ihr Interesse ehrliche Absichten hat. Aber diese übertriebene menschliche Anteilnahme, das riesengroße Interesse durch alle Schichten, am Leid derer, die in der Nahrungskette ganz unten stehen empfinde ich beinah als Heuchelei.

 Wer dieser Tage zu leichtgläubig, zu ängstlich, zu unentschlossen in seinem Selbst ist, alles und jedem glaubt, ist ein williges Opfer für allerlei Spekulationen, Verschwörungen und für diejenigen, die aus dieser Krise versuchen Profit zu schlagen.

 Wie Rattenfänger greifen Sekten und Verschwörungsgurus um sich. Erst hinter vorgehaltener Hand – mittlerweile jedoch sehr offen und beängstigend sprechen einige unter ihnen von der Apokalypse und dem bevorstehenden Weltuntergang. Kirchen haben enormen Zuwachs und der Papst spricht sein Urbi et Orbi zum ersten Mal seit Jahrtausenden nicht nur zu Ostern. Auf allen Kanälen, ob im Fernsehen oder Radio gibt es stündliche Informationen zum Nulltarif über neue Fallzahlen und Todesraten. Eine Sondersendung jagt die nächste und Fernsehanstalten stellen ihr ganzes Programm zu Gunsten neuer Informationen um. Geistliche, Wissenschaftler aller Couleur, Journalisten, Esoteriker, Ärzte, Politiker und solche die meinen, der Welt etwas mitteilen zu müssen diskutieren stundenlang am runden Tisch über das eine und beherrschende Thema und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass alle ausnahmslos in das eine Lied von Feuer und Eis, vom Untergang der Menschheit , vom Fegefeuer und der Angst vor dem eigenen Tod mit einstimmen.

Wir müssen wachsam bleiben – auch was die Entdeckung der neuen Menschlichkeit angeht. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst - denk auch an diejenigen, die es im Leben nicht so gut getroffen haben – all das leuchtet heuer in großen glitzernden Buchstaben über uns alle. Dabei sind wir Menschen alles andere als menschlich. Wären wir dies wirklich, so hätten wir auch in der Vergangenheit vieles nicht zugelassen, was wir zugelassen haben ohne Rücksicht auf Verluste. Egoismus zählt immer noch mehr als das Gemeinsame und das Mitlaufen im derzeitigen Mainstream bedeutet nicht, dass sich die Welt von Grund auf ändert oder so bleibt, wie wir sie jetzt gerade erleben! Wir Menschen sind nichts weiter als Herdentiere. Heult ein Wolf, heulen alle anderen mit. Was wirklich von dem allgegenwärtigen Interesse am Schicksal der Alten, Kranken , der geschundenen Kinderseelen, der vielen Obdachlosen, jungen Menschen ohne Zukunft oder nur an unserem direkten und unmittelbaren Nachbarn bleibt – wird sich zeigen, wenn wir diese unwirkliche Zeit überstanden haben

 Ich weiß auch nicht wohin uns das Schiff führen wird und, ob wir nicht doch alle auf einer einsamen Insel landen mit nichts als unserer nackten Haut! Vielleicht erwartet uns aber auch Chaos und Anarchie, eine neue Weltordnung – eine, in der nur noch der Stärkere zählt und alle anderen selektiert werden. Georg Orwells 1984 lässt herzlich grüßen. Vielleicht aber entdecken wir unsere Menschlichkeit wirklich neu und sehen in den einfachen Dingen des Lebens am Ende doch unser aller Seelenheil und lernen endlich aufeinander zu achten und miteinander friedvoll zu leben und, wer weiß, vielleicht erteilen wir Profit und Gier endlich die Absage, die es längst verdient hat. Wir werden sehen und bis dahin bleibt bitte alle gesund – und das meine ich vollkommen ernst und ohne doppeltem Boden.  

In diesem Sinne

Herzlichst eure / ihre Lilo David.  

   

 

    

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