Lilo David 

Ihre Reise kann beginnen


 

 

  

 Alle Jahre wieder…..oder eine dumme Idee

Solange unsere christliche Geschichte reicht, ist Heilig Abend am 24.12. Und solange ich denken kann, waren meine Eltern immer dabei, wenn am Tannenbaum die Lichter glänzten und wir auf die Bescherung warteten. In den Jahren, als wir Kinder waren, sahen sie gespannt  zu, wie wir, mit roten Bäckchen und frohlockendem Herz, unsere Geschenke auspackten. Später, als wir älter waren, sahen sie immer noch zu. Aber das Gefühl war ein anderes. Und,  als wir selber Eltern waren, sahen wir mit ihnen gemeinsam zu, wie unsere Kinder ihre Geschenke auspackten. So sehr sich auch die Zeiten veränderten, eines jedoch blieb, so sicher, wie das Amen in der Kirche. Wir saßen immer in trautem Zusammensein und feierten gemeinsam  das Fest der Feste.  Dieses Wissen, gab mir immer ein wohlig, warmes Gefühl und  dann, eines Tages,  war alles anders.

 Nicht, dass es sie nicht mehr gab. Wäre das der Fall gewesen, wäre es unendlich traurig, aber eben doch eine unumstößliche Tatsache, an der man nichts, aber auch rein gar nichts hätte ändern können.  Oh Nein! Sie erfreuten sich bester Gesundheit. Ein dummer Streit, über den keiner von uns hinwegsehen konnte und den wir seit Wochen mit uns herumschleppten war der sündige Schuldige. So richtig bewusst, am Heilig Abend ohne sie zu sein, wurde mir erst eine Woche vorher.  In den Wochen zuvor hatte ich viel zu viel zu tun, als, dass ich mich mit dieser leidigen Geschichte befassen konnte. Ich schob es einfach vor mich her, so, wie man eigentlich alles Unangenehme vor sich herschiebt und glaubt, es dadurch ungeschehen machen zu lassen. Die hektischen Vorbereitungen für das bevorstehende Weihnachtsfest taten das Ihrige dazu. Wie tausend andere Mütter hetzte ich durch die Geschäfte, immer auf der Suche, nach den passenden Geschenken, die dann am Heilig Abend hübsch verpackt auf ihren Empfänger warteten.

Jede Familie hat so seine Traditionen. Manche werden widerspruchslos übernommen, weil sie einfach dazu gehören, wie der Christstollen oder die gestrickten Stümpfe unterm Weihnachtsbaum. Andere hingegen werden durch neue Rituale ersetzt und irgendwann gehören sie dann einfach dazu, weil man sie lieb gewonnen hat und es ohne sie irgendwie nicht Weihnachten ist.  Eine der alten  Tradition war es, den Tannenbaum, der am Vorabend im Wohnzimmer seinen Platz gefunden hatte, zu schmücken. Früher als ich  Kind war, tat es meine Mutter. Später, als ich selbst Familie hatte, war ich es, die unseren Baum weihnachtlich herrichtete. Und so wie meine Mutter zu früheren Zeiten,  hoffte auch ich, dass es am Ende allen gefallen würde. Eines der neuen Rituale war, dass am Vormittag die Kinder ihre anderen Großeltern, Tanten und manchmal auch gute Freunde besuchten. Während sie also auf großer Weihnachtsrundfahrt waren, hatte ich Ruhe genug, um alles vorzubereiten. Nach dem Schmücken legte ich fein säuberlich alle Geschenke unter den Baum, stellte ein volles Glas Milch und einen unserer selbstgebackenen Kekse vor die Tür zum Weihnachtszimmer,  schloss die Tür fest zu und deckte die weihnachtliche Kaffeetafel. Warum ein Glas Milch und einen Keks mögen sie sich jetzt fragen? Na ja, so ein Weihnachtsmann hat viel zu tun. Da tut ihm eine Stärkung mehr als gut.

 Mittags und meistenteils müde kehrten meine Ausflügler zurück und dann warteten wir darauf, dass Omi und Opi endlich kamen. Pünktlich, wie ein Schweizer Uhrwerk betraten sie gegen 14 Uhr  unser Haus und kurz darauf spazierten wir einträchtig in die Kirche. Auch das war Tradition, dem weihnachtlichen Krippenspiel zuzusehen und mit allen zusammen ein paar schöne Weihnachtslieder zu singen. Eigentlich lief unser Weihnachtsfest immer gleich ab. Es gab wenig Neues und wenn, taten sich die meisten schwer damit. Natürlich mussten wir alle geduldig sein, denn nach der Kirche dauerte es noch immer eine Weile, bis endlich die  Bescherung war. Erst einmal gab es Kaffee und Kuchen und dann unseren obligatorischen Spaziergang. Immer auf der Suche nach dem Weihnachtsmann. Meistenteils dauerte es nur eine knappe halbe Stunde. Zeit genug für meinen Vater ,die Milch zu trinken, den Keks zu essen und die Kerzen am Baum anzuzünden. Wenn wir dann kalt und  manchmal halb erfroren von unserm Spaziergang zurückkamen, hörten wir schon die Weihnachtsglocken läuten. Mit ehrfurchtsvollen Blick und leuchtenden Augen standen wir vor dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum, sangen ein Weihnachtslied und dann verteilte mein Vater die Geschenke.  Später saßen wir zusammen, bei Wein, Plätzchen und anderen Leckereien und sahen zu, wie Vater und Großvater inbrünstig ein Teil nach dem andern mit den Kindern zusammenbauten, damit sie auch mit dem neuen Geschenk spielen konnten. Es war jedes Jahr aufs Neue  eine herrlich friedliche und überaus stimmungsvolle, besinnliche  Zeit, die wir zusammensaßen. Anstatt Fernsehen gab es weihnachtliche Musik und Kerzenschein. Von Zeit zu Zeit erhellte lautes Kinderlachen die gute Stube und nach einem guten Essen und ein paar Gläsern Wein klang die Heilige Nacht beschaulich und ruhig aus. Müde gingen meine Eltern weit nach Mitternacht nach Hause und auch ich war froh, dann seelenruhig in meinem Bett zu liegen. Ach ja, Weihnachten, mit all seinen guten alten Traditionen gefiel mir außerordentlich gut. Und nun sollte also alles anders sein? Dieser Gedanke machte mich irgendwie traurig. 

Da saß ich nun, vor einem Berg Geschenke und plötzlich wurde mir klar, dass nicht ein einziges für meine Eltern darunter war. Nicht einmal die obligatorische Krawatte für meinen Vater. Dabei hatte er sich jedes Jahr aufs Neue darüber gefreut. Na ja, eben halt so, wie sich alle, Väter, Ehemänner und Söhne über Krawatten, Socken und neue Hemden freuen.

  Mir war zum Heulen zumute und  schob mir völlig untypisch und  natürlich nur zur seelischen Unterstützung, einen  dieser viel zu fetten Pfeffernüsse in den Mund.  Mit dicken Backen saß ich da, lauschte der Weihnachtsmusik , die im Hintergrund unaufhörlich an meine Ohren prasselte, betrachtete all die kleinen, langen, breiten und manchmal viel zu großen Geschenke und plötzlich packte mich eine Art Panik.

 Die Vorstellung, am Heilig Abend alleine mit meinen Kindern und Mann zu verbringen erschien plötzlich so völlig absurd. Das, war nicht das Weihnachten, was ich mir ersonnen hatte. Keines, das ich wirklich wollte und erst Recht keines, das ich kannte.  Also begann ich zu überlegen.

Sollte ich vielleicht anrufen, um Entschuldigung bitten? Aber warum, dachte ich, schlussendlich hatte ich den Streit nicht angefangen. Die Schuld lag nicht bei mir und, wenn sich überhaupt einer zu entschuldigen hatte, dann waren es eindeutig meine Eltern. Vielleicht war Wegfahren eine gute Idee. Einfach irgendwo hin und alles anders machen als sonst. Aber wäre das wirkliche Weihnachten? Irgendwo in der Fremde zu sitzen und womöglich nicht mal einen Weihnachtsbaum zu haben? Nein! Das war eindeutig keine gute Idee.

Während ich weiter ein Geschenk nach dem anderen verpackte und an die leuchtenden Augen meiner Kinder dachte, wenn sie mit ihren kleinen Fingern sich daran machten , die vielen Schleifen und Bänder zu lösen und es kaum abwarten konnten, endlich zu sehen, was sich hinter all dem Papier verbarg, klopften meine grauen Gedanken unaufhörlich an meiner Schläfe.

Ihr „ Poch, poch, poch“ wurde mit der Zeit so laut, dass ich es kaum noch überhören konnte. Ein Pfeffernuss reichte beileibe nicht mehr aus, um mich auf andere Gedanken zu bringen.  Es musste eine Lösung her. Nur welche? Und dann plötzlich fielen mir meine Schwiegereltern ein. Natürlich! Warum nicht mit ihnen feiern.

Weihnachten heißt doch nicht umsonst, das Fest der Liebe. Und, was lag da also näher zu den Menschen zu fahren, die man liebt. Gut, ich liebte meine Schwiegereltern nicht und, die Kleinigkeit, dass sie Weihnachten und damit auch Heilig Abend völlig anders feierten, als wir es Jahr für Jahr taten, übersah ich in meiner Freude, ob dieser genialen Idee.  Es erschien mir unwichtig, im Vergleich zu einem Heilig Abend, den man ansonsten ohne meine Eltern  verbringt. Ich war so begeistert von meiner Lösung, dass ich es gleich meinem Mann erzählen musste. Freudig lief ich ins Wohnzimmer und noch eher mein Mann überhaupt fragen konnte, warum ich so aufgeregt vor ihm stand,  platzte es auch schon aus mir heraus: << dieses Heilig Abend sind wir bei deinen Eltern<<

Für einen klitzekleinen Moment wurde es ganz still. Mein Mann atmete tief ein, sah mich an und sagte, in seinem typisch trockenem Tonfall<< Äh, denk, du magst nicht, wie sie Heilig Abend feiern? <<

<< Nein, mag ich auch nicht<< antwortete ich<< aber, alles ist besser, als Heilig Abend alleine zu sein! <<verkündete ich mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

<< wir sind nicht alleine, wir sind zu fünft! <<  warf mein Mann stoisch ein.

<< Aber darum geht es doch gar nicht<< versuchte ich ihm zu erklären. << es ist einfach nicht Heilig Abend, wenn wir nur für uns sind, verstehst du das nicht? <<

<< deine Logik möchte ich mal haben<< antwortete er mir und sah mich dabei an, als hätte ich von ihm verlangt Heilig Abend auf den Hochebenen Perus zu verbringen. 

<< wir können ja die Bescherung hier machen und dann zu ihnen fahren? << lenkte ich ein.

<< wenn du meinst, dass das eine gute Idee ist, bitteschön, dann rufe ich sie an<<

Ob das wirklich so eine gute Idee war? Ich wusste es nicht. Aber ich hatte mich nun einmal dazu entschlossen und basta.

Die letzten Tage, bis zum Heilig Abend, liefen in Siebenmeilenstiefeln an mir vorüber. Und dann war es endlich so weit. Den Vormittag verbrachte ich damit, wie andere, in langen Schlangen an der Supermarktkasse zu verbringen, weil ich trotz eines bessern Wissen, mal wieder etwas Wichtiges vergessen hatte. Die übliche Hektik packte mich erst am späten Mittag.  Hab ich auch an alles gedacht, ist der Kaffeetisch auch schön genug gedeckt, und vor allen Dingen, würden sich die Kinder über ihre Geschenke freuen? All das wirbelte in meinem Kopf herum, wie bunte Kügelchen, die man schnell in die Luft wirft und die dann nach freiem Flug langsam auf die Erde fallen.  Nach unserem obligatorischen Kirchgang, mit Krippenspiel und allerlei Weihnachtsgesang, saßen wir feierlich an unserer Kaffeetafel. Dass zwei Plätze verwaist blieben, daran versuchte ich nicht zu denken. Wozu sich graue Gedanken machen. Alles würde gut werden.

    Zwischen dem ersten Stück Weihnachtsstollen, der gute selbstgebackene aus Dresden, und einem leckeren Stück Apfelkuchen, den ich tags zuvor nach alten Rezept meiner Mutter eigenhändig gebacken hatte,  teilten wir unseren Kindern mit, wie wir gedachten dieses Heilig Abend zu verbringen.  Verwundert sahen uns die beiden Älteren an und dann kam, was kommen musste. 

<< wieso feiern wir nicht mit Omi und Opi<<? Wollte unsere Älteste augenblicklich wissen

<< weil das nicht geht <<, antwortete ich in leicht harschem Ton.  

<<wieso denn nicht Mama? <<, bohrte unser älterer Sohn nach.

Ich hasse bohrende Fragen. Besondern dann, wenn ich keine Antwort darauf habe. Ich konnte doch nicht allen Ernstes antworten, weil eure Mutter stur ist wie ein Esel und Omi und Opi auch.

 << Es geht eben dieses Jahr nicht<< gab ich kurz zur Antwort und warf schon etwas beschwichtigend ein <<. Es wird auch schön werden mit euren anderen Großeltern zu feiern. Ihr werdet schon sehen<<

Die Bescherung war anders, stiller und irgendwie fehlte Heiterkeit, die diesen Abend sonst bestimmt hatte. Anstatt, dass sich mein Vater,  in seiner ganzen Länge, unter den Tannenbaum legte, um auch an das am weitesten gelegene Geschenk zu kommen, lag ich darunter. Ich tat mein Bestes, um die Lücke zu füllen und doch beschlich mich das Gefühl, es am Ende  nicht geschafft zu haben.

Ich war heil froh, als wir uns endlich unsere Jacken anzogen, unsere Geschenke, für die Familie meines Mannes und den Blumentopf , mit hellen rosafarbenen Azaleen , für die Tante  , ordentlich im Auto verstaut hatten. Dann ging es los. Keiner sprach auch nur ein Wort. Mein Mann sah ein paarmal zu mir herüber, so als würde er sich von meiner Absicht, wirklich hinzufahren, nochmals überzeugen müssen. Endlich parkten wir unser Auto auf der großen Einfahrt, vor dem Haus seiner Tante. Schon von draußen hörten wir lautes Gelächter und als man uns die Tür aufmachte und uns mit den Worten<< das ist aber ein seltener Weihnachtsbesuch, kommt rein << , begrüßte, kam ich mir irgendwie verdammt blöde vor.

 Am Tannenbaum leuchteten die elektrischen Kerzen, um die Wette, mit den Gesichtern derer, die wie wir den Weg hier hergefunden hatten. Meine Schwägerinnen und die Cousins meines Mannes saßen am großen Esstisch und spielten irgendein Gesellschaftsspiel. Meine Schwiegereltern und sein Onkel saßen am Tisch und starrten in den Flimmerkasten, meine Nichten und Neffen, immerhin vier an der Zahl krabbelten auf den Boden herum  und seine Tante widmete sich wieder ihren abendlichen Essensvorbereitungen.  Und ich? Ich wäre am liebsten auf dem Absatz umgekehrt. Es war alles zu laut, zu hell, zu schrill und so gar nicht zauberhaft, verwunschen, himmlisch und weihnachtlich. Doch  am meisten störte mich die Flimmerkiste, die unaufhörlich lief und einen dieser alten amerikanischen Filme zum Besten gab. 

<< es war eine dumme Idee << raunte ich nach dem Essen meinem Mann ins Ohr.

<< ich weiß<< gab er leise zurück und dann plötzlich stand er auf, sah erst mich an dann unsere großen Kinder, nahm den Kleinen, der selig in meinen Armen  eingeschlafen war auf den Arm und verkündete laut und deutlich << wir werden jetzt nach Hause fahren<<

Wir saßen noch lange an diesem Heilig Abend zusammen. Ich, mein Mann und unsere Kinder. Wir lachten und spielten mit all den neuen wunderschönen Geschenken. Irgendwann in tiefer dunkler Nacht hörte ich meinen Mann zu mir sagen: << und nächstes Jahr wieder oder doch lieber allein<<?

<nein << sagte ich. << lass uns bloß so feiern wie wir es mögen<<.

Ich habe in den vergangenen Jahren noch viele Male Weihnachten gefeiert.  Mal war es still und leise und ein anderes Mal, laut und beschwingt.  Aber, wenn mich eines diese Geschichte gelehrt hat, dann das, dass das Leben eben kein stiller, ruhiger Fluss ist. Es gibt Höhen und Tiefen, endlose Pfade und Wege, die wir  gehen müssen  auch, wenn man es nicht will. Wir tun gut daran anderen die Hand zu reichen, bevor es zu spät ist. Aber das Wichtigste ist, dass es vollkommen egal, ist, mit wem oder wo wir feiern, ob alleine, zu zweit oder mit vielen Menschen, die wir mögen und lieben.

Weihnachten ist kein Gegenstand, es ist nichts, was wir anfassen können und schon gar nicht ist es, Pflicht und Perfektion. Weihnachten ist nämlich das, was in unserem Herzen passiert. Nur dort hat es sein Zuhause.

 

Ende.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

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