Petra / Lilo.
 
Ihr Ich tue, was mir Freude macht. Singen und Schreiben. Untertitel

Eins, zwei, drei – allein. Von den die auszogen und denen die bleiben. 

Für jedes Elternpaar kommt der Tag, an dem ihre Kinder ihre sieben Sachen packen und ausziehen. Das muss nicht unweigerlich jenseits der 60 sein. Die Zeitspanne, in denen man eigene Kinder bekommt, liegt mittlerweile zwischen 30 und 45 Jahren und nicht alle Eltern haben gleich zwei, drei oder gar mehr Kinder, sodass vom ersten Auszug des älteren Kindes bis hin zum Letzten schon einmal Jahre dazwischen liegen können. Aber egal, ob es sich um Monate oder Jahre handelt, am Ende bleibt trotz des Wissens, dass jedes Kind, wie<<Hänschen Klein<< irgendwann einmal in die Welt hinauszieht, ein eigenartiges Gefühl.

Inzwischen gilt diese Zeit als normale Lebenskrise eines jeden Elternpaares, auch dann, wenn die meisten heute ein anderes Leben führen, als noch deren Eltern oder Großeltern. Galt in den 60ern und 70ern noch das Rollenbild – Mutter kümmert sich ausschließlich um die Kinder und Vater ist der alleinige Ernährer, hat sich dieses Bild im Laufe der letzten 30 Jahre grundlegend verändert. Zwar sind die Mütter leider auch heute noch überwiegend für die Erziehung und Betreuung ihres Nachwuchses zuständig, allerdings tun sie dies vorwiegend als berufstätige Mutter – Doppelbelastung gleich mit inbegriffen. Die Zahl der Väter, die sich ebenso fürsorglich, aufopferungsvoll und intensiv um ihre Kinder bemühen, wächst zwar stetig und dennoch ist sie immer noch viel zu gering, als dass sie eine große und entscheidende Rolle im Familienleben spielen könnte.

Die Tatsache, dass die meisten Mütter heute entweder Teil – oder Vollzeit berufstätig sind, spielt im Abnabelungsprozess eine sehr viel geringere Rolle als man vermuten könnte. Auch moderne Eltern tun sich verdammt schwer mit dem Auszug ihrer Kinder und nicht wenige leiden Wochen, sogar Monate darunter. Sie leiden auch dann, wenn sie sich nicht als Leidende zu erkennen geben. Das Credo unserer heutigen Zeit lautet, bleibt cool und gelassen. Wer will schon flennende und traurige Mütter und Väter sehen? Nein! Heute hilft man beim Auszug, packt an beim Renovieren der neuen Bleibe des eigenen Kindes, sogar dann, wenn diese kilometerweit entfernt liegen sollte, man freut sich auch dann mit den Kindern, wenn die Reise ins Ausland geht und man weiß, dass man sein eigenes Kind erst im nächsten Urlaub wiedersehen kann, man agiert, kreiert, hilft beim Packen, schmiedet mit seinem Auszugs - bereitwilligen Nachwuchs Pläne, was man doch jetzt endlich wieder tun kann und tut so, als kann man es kaum erwarten, dass der Umzugswagen vor der eigenen Haustür steht.
Die Autorin Müller – Lissner hat für ihr Buch mit betroffenen Müttern und Vätern gesprochen und nicht wenige darunter berichteten ihr von einem wahren Gefühlschaos. Wehmut und Freude sind hier ganz offensichtlich gleichberechtigte Gefühlspartner. Wobei ersteres heute eher gesellschaftlich weit weniger Akzeptanz findet als Letzteres. Die dritte Komponente, die einen als Eltern triff ist die Tatsache, dass viele nun über weit mehr Wohnfreiheit verfügen, als ihn lieb ist. Da ist die Überlegung, die leeren Räume wieder mit neuem Leben zu füllen für so manches Elternpaar schon mehr oder weniger eine Herausforderung.


Der Auszug des eigenen Kindes steht daher auch für Trennung und Neubeginn. Allerdings gibt es einen grundsätzlichen Unterschied darin, ab welches Lebensalter das Nest leer wird und, ob es sich um ein einziges Kind handelt oder es vielleicht das dritte, vierte oder fünfte Kind ist. Für manche Eltern steht der Auszug schon mit Mitte 40 vor der Tür und für andere wiederum erst, wenn sie 60 oder älter sind. Die einen konnten sich mit jedem Kind langsam an das Alleinsein gewöhnen und für andere wiederum kommt alles viel zu schnell und hinterlässt – gerade, wenn es sich um das einzige Kind handelt – oft eine riesengroße Lücke. Manche können sich emotional damit gut auseinandersetzen und schmieden tatsächlich gemeinsam neue Pläne und andere stehen vor einer großen Beziehungsstille und spüren sehr genau, dass man eigentlich nur als Eltern wunderbar miteinander funktioniert hat. Für alleinerziehende Elternpaare stellt im Übrigen der Auszug des oder der Kinder eine völlig andere Herausforderung dar. Für manche alleinerziehende Mutter oder dem alleinerziehenden Vater bricht sozusagen der Lebensinhalt auseinander. Man fühlt sich im wahrsten Sinne des Wortes alleine und verlassen. Freunde nutzen da im Übrigen nicht viel. Keiner davon kann diese emotionale Lücke schließen und es dauert Monate, bis man sich an das Alleinsein in den eigenen Vier Wänden gewöhnt hat. Immerhin hat man nicht nur den Menschen nicht mehr um sich, den man jahrelang erzogen hat und für den man sich im wahrsten Sinne des Wortes verantwortlich fühlte, sondern, der für die meisten Soloeltern ebenso Vertrauter und Gesprächspartner gewesen war.


Doch egal, ob alleinerziehend, zu zweit oder zu dritt, für alle gilt dasselbe Prinzip des Loslassens.


Ich kann mich noch sehr gut an den Auszug unserer Tochter erinnern. Es liegt zwar schon ein paar Jährchen zurück, aber ich denke, das ist etwas so Einschneidendes, das einem unwiderruflich im Herzen bleibt. Natürlich empfanden wir ihren Auszug, mit gerade 18 Jahren und dann noch vor ihrem Abitur als viel zu früh und vielleicht auch etwas überstürzt. Aber wo die Liebe ihre Wellen schlägt, können noch so gut gemeinte elterlichen Worte nichts ändern. Waren wir traurig? Ja, rückblickend betrachtet sicherlich und dennoch haben wir uns damals nichts anmerken lassen, weil wir zum einen moderne junge Eltern sein wollten und zum anderen, unser Haus noch mit unseren beiden Söhnen, der eine kaum jünger als unsere Tochter und der Letzte gerade einmal 7 Jahre alt, genug Abwechslung und Trubel mit sich brachte. Hat sie uns gefehlt? Oh ja! Sie fehlte beim abendlichen Essen, beim sonntäglichen Frühstück, im ganz normalen Alltag und mit ihrem Auszug verlor ich ganz persönlich auch meine weibliche Verbündete im Haus. Und dennoch hinterließ sie keine so große Lücke, dass wir als Eltern in ein Gefühlschaos trieben. Neben unseren Söhnen bevölkerten genug Freunde unserer Söhne unsere eigenen Vier Wände, unser Freundeskreis war damals noch um ein Vielfaches größer und ganz nebenbei war ich auch noch berufstätig. Eigentlich war immer etwas los. Und war die Sehnsucht zu ihr groß, wusste ich ja, dass sie immer wieder zwischendurch zu Besuch kam oder man machte einen gemeinsamen Einkaufsbummel. Das Gefühl sie nicht ganz loslassen zu müssen änderte sich erst, als ihre Wege sie nach Berlin und Köln führten. Für einen spontanen Nachmittagskaffee mit Plausch war dies eindeutig zu weit weg.


Unser großer Sohn zog erst mit 26 Jahren aus. Und, wenn ich ehrlich bin, war sein Auszug ein eher normaler Prozess und irgendwie vom Alter her auch mehr als passend. Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich mittlerweile, dass der Unterschied in welchem Alter das eigene Kind auszieht eine kolossale Rolle im Abnabelungsprozess Eltern- Kind spielt. Ist das das Kind, das auszieht, selbst noch ein wenig in den eigenen Kinderschuhen bleibt die Verantwortung trotz Auszug emotional bestehen. Man möchte es immer noch beschützen und umsorgen. Ist das Kind jedoch schon ein paar Jahre auf dem Weg hin zum Erwachsenwerden, hinterlässt sein Ausfliegen zwar auch eine Lücke, aber eine, die man emotional gut auf die Reihe bekommt und auch, wenn es sich komisch anhört, sind Eltern auch irgendwie froh, dass das Hotel Mama ein Ende hat, selbst dann, wenn man seine Kinder noch so liebhat.


Tja und nun ist unser jüngster Sohn ausgezogen. Die Zeitspanne zwischen dem Auszug unserer Tochter uns seinem beträgt ganze 17 und zu dem seines älteren Bruders 8 Jahre.
Und ja, es fiel uns dieses Mal schwerer als jemals zuvor. Schon von dem Tag an, als er uns strahlend mitteilte, dass er eine eigene Wohnung gefunden hatte bis zu dem Tag, als wir die Kisten in den Umzugswagen trugen und wir ihm als große Familie, einschließlich Schwiegerkinder und mittlerweile Enkeln, in seiner neuen Wohnung halfen, gingen uns tausend und ein Gedanken durch den Kopf.


Wie wird es ab jetzt sein? Nur mein Mann und ich? Immerhin sind wir diesbezüglich mittlerweile total ungeübt. Das letzte Mal, dass wir alleine ohne Kinder zusammenlebten, liegt 35 Jahre zurück! Und an einen alleinigen Urlaub, oder überhaupt mal für eine längere Zeit alleine im Haus zu sein, ohne dass jemand Musik hört, fragt, was es heute zu essen gibt und oder ob das Lieblingsshirt schon gewaschen ist oder es gleich mehrmals an der Tür klingelt, weil der beste Freund oder die beste Freundin vor der Tür steht, kann ich mich so überhaupt nicht mehr erinnern.
Nein! Ab jetzt sind wir alleine auf Flur und Heide. Ja, nicht einmal ein Haustier ist uns geblieben.
Was uns geblieben ist, ist unser jetzt zu großes Haus, ein leeres Zimmer, dass in mir, wenn ich es in den ersten Tagen betrat, eine dann doch leichte Melancholie hervorrief und unsere Family – WhatsApp - Gruppe, die ich schon immer zu schätzen wusste, aber jetzt geradezu lieben gelernt habe.


Alles braucht halt seine Zeit. Uns so war ich auch überhaupt nicht verwundert, dass ich nach den zwei ersten Tagen seines Auszugs wie gewohnt an seine Tür klopfte, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Und beim ersten sonntäglichen Frühstück deckte ich sogar, wie gewohnt drei anstatt zwei Brotbretter auf den Tisch.
Und dennoch sehe ich für meinen Mann und mich keinerlei Gefahr, dass es uns so ergeht, wie es manche soziologische Untersuchung aufzeigt. Nämlich die, dass für viele Paare, die gemeinsam Kinder erzogen haben, die Scheidungsrate nach dem Auszug der eigenen Sprösslinge signifikant höher ist als zuvor oder sie sich erst einmal als Paar neu finden und entdecken und ihrer Beziehung neue Impulse geben müssen. Nein, wir gehören weder zur ersten noch zur zweiten Kategorie.


Den Umstand, dass wir seit drei Wochen unser Haus auf den Kopf stellen, renovieren, umbauen, ja beinah eine Kernsanierung vornehmen und das, obwohl wir hier noch wohnen müssen und wir bis zum Herbst bis zu den Waden in Arbeit stecken scheint, dann wohl doch eine ganz andere Geschichte zu sein.


Alles braucht halt seine Zeit.

In diesem Sinne
Herzlichst ihre / eure Lilo David.



 
 
 
 
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